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Flüchtlinge in Friedberg : Fast ein Zehntel der Einwohnerzahl

Neue Nutzung: Künftig werden in den Friedberger Kasernen Flüchtlinge leben. Bild: Rainer Wohlfahrt

Einst leistete Elvis dort seinen Wehrdienst ab, bald werden dort bis zu 2300 Flüchtlinge einquartiert: Teile der Ray Barracks in Friedberg werden zu Notunterkünften umgebaut.

          Etagenbetten, Spinde, Tisch und Stühle: Wo viele Jahre lang Soldaten der amerikanischen Streitkräfte ihre Stuben hatten, sollen in den nächsten Wochen Flüchtlinge einziehen. In den ehemaligen Ray Barracks am südlichen Stadtrand von Friedberg laufen derzeit die Arbeiten auf Hochtouren, damit dort in den nächsten Wochen eine neue Außenstelle der Gießener Erstaufnahme in Betrieb gehen kann. Für bis zu 1000 Ankömmlinge ist die Außenstelle ausgelegt. Voraussichtlich vom 20. Januar an soll die Belegung vonstattengehen, kündigte Christian Dornblüth, beim Regierungspräsidium Darmstadt für Gesundheit, Integration und Ausländerwesen zuständig, während einer Besichtigung an. Weitere bis zu 1000 Plätze können hinzukommen in einer sogenannten Überlaufeinrichtung, um die sich der Wetteraukreis kümmert. Dort finden Ankömmlinge eine erste Bleibe, wenn die Einrichtungen der Erstaufnahme keine Kapazitäten mehr haben. Zudem will die Stadt Friedberg noch etwa 300 Plätze für die ihr zugeteilten Asylbewerber auf dem ehemaligen Militärgelände einrichten, das vor allem dadurch bekannt ist, dass Elvis Presley dort Ende der fünfziger Jahre seinen Wehrdienst ableistete. Bei voller Belegung wäre das fast ein Zehntel der Einwohnerzahl Friedbergs.

          Wolfram Ahlers

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für Mittelhessen und die Wetterau.

          Zu Unterkünften für die Außenstelle der Erstaufnahme hergerichtet werden ehemalige Mannschaftsgebäude, die in den achtziger und neunziger Jahren im Zuge einer Modernisierung der Kaserne errichtet wurden. Aufteilung und Zuschnitt der Räume bleiben im Wesentlichen, wie sie die amerikanische Armee konzipiert hatte. Die Arbeiten der zurückliegenden Wochen galten vor allem dem Brandschutz, Umbau und Erneuerung von Sanitäranlagen. Vier Personen beherbergt ein Zimmer, die Bewohner von je zwei Zimmern teilen sich ein Bad. Hinzu kommen Räume für die Pflege von Wäsche sowie Aufenthaltsräume. Die ehemalige Mensa wird auch künftig für die Verpflegung genutzt. In einem separaten Gebäude richtet das Land einen Kindergarten ein, und es sollen in diesem Haus auch Räume zur Verfügung gestellt werden, die ehrenamtliche Helfer für ihre Arbeit, etwa für Deutschkurse, nutzen können. Platz geschaffen wird außerdem für die Verwaltung der Einrichtung. Wo bei nach Angaben von Dornblüth nicht vorgesehen ist, in Friedberg auch eine Außenstelle des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge einzurichten, wie das in der Dependance der Erstaufnahme in Büdingen der Fall ist, die im Dezember in Betrieb ging. Das heißt, dass beispielsweise Anhörungen zu Asylverfahren in Friedberg nicht stattfinden, Antragsteller also nach Gießen oder Büdingen fahren müssen.

          Turnhallen wieder für Schul- und Vereinssport nutzen

          In Nachbarschaft zum Gebäudekomplex der Erstaufnahme befinden sich die Häuser, die der Wetteraukreis als Notunterkunft nutzen will. Darüber war es in den zurückliegenden Wochen zum Streit zwischen Kreis und Land gekommen. Landrat Joachim Arnold (SPD) hatte mehrere Gebäude der ehemaligen Ray Barracks beschlagnahmt, nachdem das Land den Kreis angewiesen hatte, kurzfristig bis zu 1000 Flüchtlinge aufzunehmen. Begründet hatte der Kreishauschef sein Vorgehen mit der Herausforderung, rasch Unterkünfte für so viele Menschen schaffen zu müssen. Zum anderen mit den langwierigen Verhandlungen mit der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben über den Ankauf eines anderen Hauses auf dem Gelände für ein Flüchtlingsdomizil. Nur so sei es möglich, kurzfristig die Gebäude herzurichten. Das Regierungspräsidium hob die Beschlagnahme allerdings wieder auf, weil sie rechtswidrig sei.

          Als Ausweichquartier für die Notunterkunft richtete der Kreis zwei Schulturnhallen in Nidda her. Schließlich, nachdem die Landesregierung bekanntgegeben hatte, dass sie die ehemalige Kaserne selbst als weitere Außenstellen der Erstaufnahme nutzen will, setzten sich Land, Kreis und Stadt an einen Tisch und vereinbarten eine gemeinsame Nutzung der verschiedenen Gebäude. Wobei es dem Kreis vor allem darum ging, die Turnhallen in Nidda alsbald wieder für Schul- und Vereinssport freigeben zu können. Wann die Notaufnahme auf dem Friedberger Kasernengelände belegt werden kann, ist allerdings noch offen. Nach Angaben von Arnold liegt der Kreisverwaltung bislang keine Kostenzusage von Seiten des Landes vor. Solange dies der Fall sei, könne der Kreis die Gebäude in Friedberg nicht herrichten.

          Eigentlich Konversion der Kaserne geplant

          Die Stadt wird für ihr Flüchtlingsdomizil zwei der Bauten aus der Vorkriegszeit herrichten. Dabei handelt es sich um Gebäude, die zusammen mit weiteren aus dieser Zeit wegen ihrer prägenden Fassaden unter Ensembleschutz stehen. Die Bausubstanz sei gut, Umbauten in Zimmern und Fluren kaum erforderlich, sagte Bürgermeister Michael Keller (SPD). Allerdings müssten neue Leitungen verlegt, Sanitäreinrichtungen renoviert und umgestaltet werden. Zudem soll die städtische Unterkunft einen eigenen Zugang zum Gelände erhalten und durch einen Zaun vom Areal der Erstaufnahme getrennt werden. Für das Herrichten der Häuser, so sei es verabredet worden, komme die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben auf. Sobald es eine schriftliche Zusage gebe, werde die Stadt mit den Arbeiten beginnen.

          Mit einer Fläche von rund 74 Hektar zählt die Friedberger Kaserne zu den größten ehemaligen militärischen Liegenschaften in Hessen. Für die Flüchtlingsunterbringung ist lediglich etwa ein Zehntel vorgesehen, so dass die Stadt im Wesentlichen ihre Pläne für die Konversion des seit 2007 brachliegenden Geländes weiterführen kann. Die sehen vor, dort eine Art neuen Stadtteil zu etablieren, mit Wohnungen, Bildungs- und Freizeiteinrichtungen sowie Gewerbe. Auch von der Entwicklung eines Technologie- und Gründerzentrums in Zusammenarbeit mit der Technischen Hochschule Mittelhessen ist die Rede.

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