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Fraport-Aufsichtsrat : Abschied für den Ruhestifter

Mit Erfahrung und Humor: Fraport-Chef Schulte (links) muss künftig ohne Karlheinz Weimar (rechts) auskommen (Archivbild). Bild: Helmut Fricke

Karlheinz Weimar gibt nach fast 17 Jahren den Posten an der Spitze des Fraport-Aufsichtsrates ab. Der Zeitpunkt dafür ist für den Hessischen Exminister alles andere als ideal.

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          Die professionelle Gelassenheit, mit der er 16 Jahre lang Hauptversammlungen des Frankfurter Flughafenbetreibers Fraport geleitet hat, wird Karlheinz Weimar (CDU) bei seiner letzten in dieser Funktion vielleicht mehr brauchen als je zuvor, seit er 2003 diesen Posten antrat. Nicht so sehr, weil die Covid-19-Pandemie seine Abschieds-Hauptversammlung an diesem Dienstag ins Virtuelle gezwungen hat. Auch nicht, weil der unermüdliche Flughafenkritiker und Aktionär Berthold Fuld eben wegen der Verlagerung der Aktionärsversammlung ins Netz beantragt hat, dem Vorstand und dem Aufsichtsrat der Fraport AG die Entlastung zu verweigern. Das und noch viel mehr würde der inzwischen 70 Jahre alte Volljurist mit ruhiger Stimme und mit dem ihm eigenem trockenen Humor meistern.

          Jochen Remmert

          Flughafenredakteur und Korrespondent Rhein-Main-Süd.

          Aber Weimar wird nach so vielen Jahren mit dem Frankfurter Flughafenbetreiber schmerzen, dass er den Aufsichtsratsvorsitz in einer Krise abgibt, wie sie das Unternehmen noch nicht erlebt hat. Ein Passagieraufkommen in Frankfurt, das im April um rund 97 Prozent unter dem Vorjahreswert lag; im gesamten Monat ganze 188.000 Passagieren, weniger Fluggäste als Frankfurt sonst an einem durchschnittlichen Tag zählt: All das war vor wenigen Monaten noch unvorstellbar. Das kann den Aufsichtsratsvorsitzenden, der den Flughafen immer unterstützend begleitet hat, nicht kaltlassen. Und man kann sich vorstellen, dass er das Unternehmen auch gerne wieder auf dem Weg aus dem tiefen Tal heraus begleiten würde. Seine Expertise und seine Erfahrung wären sicher sachdienlich.

          Nachfolger gefunden

          Aber Weimar wird aus einem weiteren Grund weit weniger unbeschwert als früher die Hauptversammlung eröffnen. Denn er wollte seine Aufgaben in dem Gremium eigentlich an den bisherigen hessischen Finanzminister und Parteifreund Thomas Schäfer übergeben, der vor wenigen Wochen gestorben ist.

          An Schäfers Stelle wird nun der neue Finanzminister Michael Boddenberg (CDU) den Aufsichtsrat leiten. Weimar mag dabei erleichtern, dass Boddenberg schon früher als wirtschaftspolitischer Sprecher der CDU-Fraktion im hessischen Landtag mit der Bedeutung des größten deutschen Flughafens für Hessen und die gesamte Bundesrepublik bestens vertraut gewesen ist. Und Boddenberg wohnt im Frankfurter Süden, ist dort seit Jahren erfolgreich bei Landtagswahlen als Kandidat für den Wahlkreis 37 angetreten. Er kennt also auch die Befindlichkeiten von den Menschen aus erster Hand, die mit erheblichem Fluglärm leben müssen.

          Dass Karlheinz Weimar so lange als einer von drei Landesvertretern im Aufsichtsrat des Konzerns gesessen hat, an dem Hessen gut 33 Prozent hält, ist eine Besonderheit. Denn normalerweise nehmen diesen Posten die jeweils amtierenden Landesfinanzminister ein. Als solcher ist Weimar schon 2010 auf eigenen Wunsch ausgeschieden. Mag sein, dass Weimar so lange Aufsichtsratschef bleiben wollte, bis der Ausbau des Flughafens Frankfurt vollzogen und der Bau des dritten Terminal zumindest begonnen sein würde.

          Souveräne Unaufgeregtheit

          Der Wunsch des Frankfurter Oberbürgermeisters Peter Feldmann (SPD), den hessischen Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir (Die Grünen) Weimar nachfolgen zu lassen, hat sich nicht erfüllt. Man kann vermuten, dass Al-Wazir auch nicht übermäßig unglücklich darüber ist. Schließlich galt er früher als entschiedener Gegner des Flughafenausbaus und meinte vor nicht allzu langer Zeit auch noch, dass es ein drittes Terminal mit ihm nicht geben werde, wenn er es verhindern könne.

          Weimar, früher nicht nur hessischer Finanzminister, sondern davor schon Minister für Umwelt und Reaktorsicherheit in Hessen, wird bei den ansonsten nicht übermäßig unterhaltsamen Hauptversammlungen der Fraport vielen fehlen. Charakteristisch für ihn war auch seine in therapeutisch zurückhaltender Hartnäckigkeit vorgetragene Erinnerung an ausschweifende Redner, dass ihre Redezeit abgelaufen ist. Der souveränen Unaufgeregtheit des in dem kleinen Ort Kirberg bei Limburg geborenen Juristen ergaben sich auch die Erregtesten unter den Aktionären, worunter traditionell auch erbitterte Flughafenausbaugegner sind.

          Im Aufsichtsrat, so ist aus dem Gremium auch von Vertretern anderer Parteien und von Gewerkschaftern immer zu hören gewesen, hat Weimar stets für einen Ausgleich zwischen den Schutzinteressen derAnrainer und dem Wachstumsdrang des größten deutschen Flughafens gearbeitet. Wie unprätentiös und humorvoll Weimar auftritt, macht eine Sequenz aus seiner Rede zur Eröffnung der Fraport-Zentrale 2013 deutlich: Nicht protzig, nicht blattvergoldet, ein Bau, der funktioniere, ein gutes Gefühl vermittle und auch noch im Plan fertig geworden sei, meinte er damals trocken. Das gelinge nicht überall, frotzelte er noch knapp lächelnd über die Berliner Versuche, einen neuen Flughafen in Betrieb zu nehmen.

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