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Kardinal Lehmann : „Das Gesicht einer menschenfreundlichen Kirche“

Lesestoff: Kardinal Lehmann hat für seine voraussichtlich letzte große Pressekonferenz die wichtigsten Ereignisse aufgeschrieben. Bild: Marcus Kaufhold

Bischof Karl Kardinal Lehmann wird 80 Jahre alt und darf dann wohl in den Ruhestand gehen. Die Suche eines Nachfolgers kann Monate dauern.

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          Beim Versuch, die wichtigsten Stationen und Ereignisse der vergangenen 80 Jahre auf fünf DIN-A4-Seiten zusammenzufassen, ist selbst der wortgewaltige und redegewandte Mainzer Bischof, Karl Kardinal Lehmann, am Mittwoch an Grenzen gestoßen. Viel zu viel hat er erlebt: ob als Assistent des bedeutenden Theologen Karl Rahner, als junger Priester, der das Zweite Vatikanische Konzil aus nächster Nähe verfolgen durfte, und von 1987 bis 2008 als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, der mit Papst Johannes PaulII. am Ende vergebens darum gerungen hat, der katholischen Kirche in Deutschland weiterhin die Schwangerenkonfliktberatung zu erlauben. Damit nicht genug: Als gestandener Kardinal war er 2005 und 2013 an den Wahlen von Papst Benedikt XVI. und Papst Franziskus beteiligt; als 102.Bischof von Mainz war ihm als Fünftem in der langen Reihe der die Stadt prägenden Oberhirten vergönnt, das Amt über mehr als drei Jahrzehnte hinweg auszufüllen. Und nicht zuletzt als „unser Karl“ gelang es ihm, die Herzen der Mainzer zu erobern, weil er bei aller Intellektualität auch bodenständig und „nah bei de Leut‘“ blieb und herzerfrischend lachen kann.

          Markus Schug

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Mainz und für den Kreis Groß-Gerau.

          Sein 80. Geburtstag am Pfingstmontag soll mit Gottesdienst im Dom und Festakt in der Rheingoldhalle groß gefeiert werden. Tags darauf wird ihn, wie in der katholischen Kirche üblich, der Papst aller Voraussicht nach vom Dienst als Bischof entbinden. „Danach werde ich noch ein paar Monate brauchen, bis alle Akten sortiert sind“, sagte Lehmann bei seiner „Abschiedspressekonferenz“ in Mainz. „Meine Träume, was ich danach machen könnte, werde ich Ihnen aber nicht verraten.“

          Sohn einen Volksschullehrers

          Auch im Ruhestand will ein „entschleunigter“ Lehmann, der weiterhin im Bischofshaus wohnen darf, in Mainz bleiben. Er werde sich aber erst wieder zu Wort melden, „wenn ich etwas Druckfähiges habe“, kündigte der Vielschreiber an. Mit Blick auf den Geburtstag und das absehbare Dienstende sind drei neue Werke von und über den Bischof erschienen: Darunter der Gesprächsband „Mit langem Atem“, für den sich der Kardinal mehrmals mit dem früheren ZDF-Intendanten Markus Schächter getroffen hat. Mit offenem Visier und couragierter Freude am Dialog sei er ein herausragender Gesprächspartner gewesen, lobte Schächter bei der Buchvorstellung Lehmann, „der über Jahrzehnte hinweg das Gesicht einer weltoffenen und menschenfreundlichen Kirche war“.

          Dabei machte der in Sigmaringen geborene Sohn eines Volksschullehrers keinen Hehl daraus, dass die zwölf Jahre in Freiburg, in denen er von 1971 an als Professor für Dogmatik und Ökumenische Theologie lehren und forschen durfte, „zu den schönsten in meinem Leben gehören“. Es sei eine wertvolle Erfahrung, zu sehen, „wie junge Leute an der Universität aufwachen und beginnen, ihren Wissensdurst zu stillen“. Danach führte Lehmanns Weg nach Mainz, wo er im Oktober 1983 als Nachfolger von Kardinal Volk und unter dem bischöflichen Wahlspruch „Steht fest im Glauben“ jene Aufgaben übernahm, derentwegen er ursprünglich Priester geworden war.

          Die Tiefpunkte im Dienst der Kirche

          „Bischof kann man nicht lernen“, sagte er im Rückblick. Und es gebe viele Felder, „in die man sich gewaltig einarbeiten muss: Für mich waren dies vor allem der Umgang mit Finanzen und das kirchliche Arbeitsrecht“. Als er 2008 aus gesundheitlichen Gründen den Vorsitz der Bischofskonferenz abgab, habe er leidvoll erkennen müssen, „dass sich allmählich Spuren des Raubbaus zeigten“.

          Bürgernah: Lehmann 2001 mit Gläubigen nach der Ernennung zum Kardinal

          Zu den Tiefpunkten im Dienst der Kirche gehörten Fälle sexuellen Missbrauchs, aber auch die Auswirkungen der Limburger Affäre, die zu vielen Austritten geführt habe. Erstmals hat sich Lehmann in der Mainzer „Allgemeinen Zeitung“ auch zu angeblichen sexuellen und gewalttätigen Übergriffen in einem katholischen Kindergarten in Mainz-Weisenau geäußert: Die Sache schien anfangs klar zu sein, sei dann aber immer schwieriger geworden. Er bedauere, „dass vielleicht da und dort wirklich Unrecht geschehen ist“, sagte er mit Blick auf fristlos gekündigte Mitarbeiter. Am Ende hätten sich die von Eltern geäußerten Vorwürfe nicht bestätigt.

          Nachfolger-Suche kann Monate andauern

          Zu den Höhepunkten seiner Mainzer Zeit gehörten der 93. Deutsche Katholikentag 1998, der Bau der Bistumsakademie Erbacher Hof, die Heiligsprechung der Hildegard von Bingen, das Jubiläum „1000 Jahre Willigis-Dom“ – und irgendwie auch der erste Mainzer Bundesliga-Aufstieg 2004, der vom Klerus mit einer am Westturm des Doms angebrachten rotweißen Fahne mitgefeiert wurde. Lehmann war früher ein passabler Kicker und ist bis heute Ehrenmitglied der „Nullfünfer“.

          Dass der Theologe an vielem interessiert und für beinahe jeden Spaß zu haben ist, hat ihn im Bistum sehr beliebt gemacht. Aktuell fallen 303 Pfarrgemeinden mit 742.000 Katholiken in seine Zuständigkeit; zwei Drittel davon auf hessischem und ein Drittel auf rheinland-pfälzischem Terrain. Für die Gläubigen gilt, dass nach Pfingsten in ihrem Bistum wohl die Sedisvakanz eintritt, die so lange dauern wird, bis ein Nachfolger gefunden ist – was Monate dauern kann. Dank des neuen Weihbischofs, dem Lehmann-Vertrauten Udo Markus Bentz, wird die Diözese aber nicht kopflos sein. Bei der Suche nach dem Nachfolger darf das Domkapitel dem Vatikan eine Vorschlagsliste schicken. Der Papst wählt dann drei Kandidaten aus, von denen einer „Mainz-Bezug“ haben muss. Bischof wird, wer in geheimer Wahl mindestens vier Stimmen des aus sieben Mitgliedern bestehenden Mainzer Domkapitels erhält.

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