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Negativpreis Plagiarius : Der ewige Kampf gegen die Produktpiraten

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Welche Handbrause ist nicht aus China? Der Schmäh-Preis Plagiarius kürt die dreistesten Beispiele von Produktpiraterie. Bild: dpa

Auf der Konsumgütermesse Ambiente werden Dinge gezeigt, die das Leben schöner machen sollen. Da einige aus Fabriken von Produktpiraten stammen, werden die Hallen wieder zum Kampfplatz gegen das Fälschen.

          Es gibt nichts, was nicht abgekupfert werden kann - diesen Eindruck hat man auch auf der am Freitag eröffneten Konsumgütermesse „Ambiente“ in Frankfurt. Ein schwarzer Zwerg mit goldener Nase ist das Symbol für den Negativ-Preis „Plagiarius“, mit dem ein privater Verein allzu dreiste Produktpiraten an den Pranger stellt und gleichzeitig auf Probleme der Originalhersteller hinweist.

          Messingventile, ein Spielzeugbagger oder ein gusseisener Bräter - auch der Plagiarius-Jahrgang 2019 zeigt wieder die Bandbreite der Fälschungen, die häufig, aber durchaus nicht immer aus China stammen. Auch auf Messen für Autoteile oder Sanitärbedarf werden die Fachanwälte der Originalhersteller und der Zoll fündig. Der Kampf gegen die Fälscher endet offenbar nie und scheint nicht zu gewinnen.

          Es geht um Milliarden: Im Jahr 2017 wurden an den EU-Außengrenzen gefälschte Waren im Wert von 580 Millionen Euro beschlagnahmt, darunter gepanschte Lebensmittel und Medikamente mit unklaren Wirkstoffkombinationen. Das geht aus Zahlen der EU-Kommission hervor. Nach Einschätzung der Plagiarius-Macher ist das nur die Spitze des Eisbergs. Voraussetzung für ein Einschreiten der Behörden sind gewerbliche Schutzrechte, die von den Originalherstellern angemeldet werden müssen. Die Zöllner werden erst in ihrem Auftrag tätig.

          „Innovation und Einnahmen nehmen ab“

          „Der illegale Handel mit gefälschten Produkten führt zu schädlichen Auswirkungen auch auf die Volkswirtschaften: Innovation und Einnahmen nehmen ab und das Steueraufkommen sowie die Beschäftigungsquoten sinken“, warnt der Osnabrücker Strafrechtler Arndt Sinn bei seiner „Laudatio“ zum Messeauftakt.

          Nach der jüngsten Produktpiraterie-Studie des Branchenverbands VDMA fühlen sich 71 Prozent der deutschen Maschinen- und Anlagenbauer von den Piraten geschädigt. Der geschätzte Schaden beläuft sich in der wichtigen deutschen Industriebranche auf 7,3 Milliarden Euro pro Jahr. Dazu kommen Folgen, die mit Geld schwer zu fassen sind: Imageverlust, Verlust des Marktvorsprungs oder ungerechtfertigte Regressanforderungen. Ein rundes Drittel der betroffenen Unternehmen verzichtet auf rechtliche Schritte gegen die Fälscher, über mangelnde Unterstützung der Behörden im Ausland klagen sogar 85 Prozent. So bleiben Messen bevorzugter Ort, um Fälschern auf die Spur zu kommen.

          Kontrollen durch Zoll

          Auch in Hessen sind Unternehmen von Produktpiraterie betroffen. So schätzt etwa der Schreibwarenhersteller Ritter-Pen aus Brensbach im Odenwald, dass durch kopierte Produkte ein jährlicher Verlust in sechsstelliger Höhe entsteht. Vor allem in China würden die Werbekulis aus dem Odenwald kopiert und produziert, sagt Geschäftsführer Jürgen Riedel. „Das Problem haben wir seit Jahren. Wir versuchen den Druck auf Fälscher durch juristische Mittel zu erhöhen“, fügt er hinzu. Eine Abnahme der Plagiatsflut hat Ritter bislang aber nicht feststellen können.

          Erfolgreicher seien Kontrollen durch die Zollbehörden. Erst Ende Januar wurden bei der Büromesse Paperworld 240 mutmaßliche Plagiate sichergestellt, wie es vom Hauptzollamt Darmstadt hieß. Die Zöllner sind regelmäßig auf dem Frankfurter Messegelände unterwegs, auch bei der Ambiente 2019 sind Aktionen geplant. Im vergangenen Jahr wurden auf der weltgrößten Konsumgüterschau nach Zollangaben an 37 Ständen Sünder ertappt und 244 mutmaßliche Fälschungen aus dem Verkehr gezogen. Auch gedruckte Bestellkataloge nahmen die Zöllner mit, um weitere Bestellungen zu unterbinden. Gegen Veröffentlichungen im Internet sind sie hingegen weitgehend machtlos und es scheint auch fragwürdig, ob sich ertappte Fälscher von den Sicherheitsleistungen von insgesamt 23.800 Euro nachhaltig beeindrucken lassen.

          Koziol setzt auf „Inhouse Strategie“

          Die ebenfalls aus dem Odenwald stammende Firma Koziol setzt im Kampf gegen die Piraten auf eine „Inhouse-Strategie“. Das Unternehmen stellt Design-Produkte aus Kunststoff für den Haushalt her und hat durch Plagiate schon Verluste in Millionenhöhe hinnehmen müssen. Das Unternehmen will aber nicht nur auf findige Produktpiraten aus Fernost zeigen. Denn das illegale Geschäft mit Plagiaten werde auch von europäischen Unternehmen vorangetrieben. Zahlreiche Anbieter geben gezielt entsprechende Bestellungen in China auf. „Sie wollen auf diese Weise teure Entwicklungskosten umgehen“, sagt Geschäftsführer Thorsten Muntermann.

          Durch die Konzentration von Entwicklung, Produktion und Vertrieb am Standort Erbach (Odenwaldkreis) sinke jedoch das Risiko, dass neue Produkte allzu schnell kopiert werden. „Dass Plagiate auf den Markt kommen, lässt sich nicht verhindern“, sagt Muntermann. Aber durch die Bündelung der Produktion lasse sich etwas Zeit gewinnen. Ein weiterer Vorteil der „Inhouse-Strategie“: Da die Design-Firma nur in Südhessen produziert, fallen gefälschte Produkte an den Grenzen auf - bei Importen muss es sich dann zwangsläufig um Fälschungen handeln.

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