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Kammeroper Frankfurt : „Oper ist kein Ding für Reiche“

Oper passt in jede Konzertmuschel: Rainer Pudenz schaut auf erfolgreiche Produktionen zurück. Bild: Wolfgang Eilmes

25 Jahre Kammeroper Frankfurt im Palmengarten: Ein Gespräch mit dem Gründer und Leiter Rainer Pudenz.

          4 Min.

          Der Herr Papa glaubt für seine Tochter den richtigen Ehemann gefunden zu haben, doch sie liebt einen anderen. Das soll vorkommen. Die Idee jedoch, den unliebsamen Wunschkandidaten der Tochter zu diskreditieren, indem man verbreitet, er sei in Wirklichkeit ein Kastrat – das ist schon sehr speziell und muss als Ausgangssituation einer komischen Oper bereits 1811 kurios gewirkt haben.

          Guido Holze

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Zensur pflückte an „L’equivoco stravagante“ des damals 19 Jahre alten Gioacchino Rossini kräftig herum, zumal das Libretto eine ordinäre Sprache pflegte. Ein gefundenes Fressen für Rainer Pudenz. In einer neuen deutschen Übersetzung hat seine Kammeroper Frankfurt das hierzulande bislang nur dreimal produzierte Stück am vorigen Wochenende mit viel Erfolg zur Frankfurter Erstaufführung gebracht.

          Unkonventionelle Inszenierungen

          Es ist eine durch den Einsatz für das kaum bekannte Jugendwerk eines Großmeisters verdienstvolle Leistung zum eigenen Jahrestag: Seit 25 Jahren bespielt die Kammeroper Frankfurt die Konzertmuschel im Palmengarten, jeweils mehrere Wochen lang im Sommer. Zu sehen sind die meist unkonventionellen Inszenierungen des 1956 in Lünen geborenen und in Frankfurt aufgewachsenen Pudenz. Das Ganze genießt inzwischen Kultstatus.

          Dass Pudenz mit dem aktuellen Stück, auf das ihn die Deutsche Rossini-Gesellschaft aufmerksam gemacht hat und das im Palmengarten unter dem Titel „Die verkehrte Braut“ läuft, zu einem seiner Lieblingskomponisten zurückkehrt, freut ihn besonders. Schon bevor die Kammeroper im Palmengarten ihre regelmäßigste und wichtigste Spielstätte fand, hatte er sich mit seinem freien Team mehrfach mit Rossini beschäftigt. Zum zweihundertsten Geburtstag des Komponisten richtete er 1992 ein Festival aus und brachte gleich drei seiner weniger bekannten Opern auf die Bühne, damals vor dem Holzhausenschlösschen. Bis heute schätzt er an Rossini „die Leichtigkeit, die Fröhlichkeit, das Brio, die gute Laune“. Schwer zu singen sei die Musik zudem und eine Komödie viel schwieriger zu machen als eine Tragödie.

          Theaterluft hat Pudenz schon früh geschnuppert. Er zog jung von zu Hause aus, verdiente mit 15 sein eigenes Geld als Bühnengarderobier und arbeitete später als Regieassistent in Freiburg, Essen und Stuttgart. „Bis ich keinen Bock mehr hatte“, wie er sagt. Er ist eine Mischung aus Freigeist, Künstlertyp und Selfmademan, als Regisseur am ehesten durch die Schule von Walter Felsenstein geprägt, den Gründer der Komischen Oper Berlin. Von ihm hat Pudenz übernommen, alle Stücke auf Deutsch zu geben, mit dem Ziel direkter Verständlichkeit: „Wenn ich Übertitel in der Oper sehe, bekomme ich Pickel.“ Der Blick der Zuschauer richte sich oft nur noch auf sie und nicht mehr auf das Bühnengeschehen, mit dem für die Darsteller sehr störenden Ergebnis, dass zu früh oder zu spät gelacht werde.

          Mit viel Humor

          Gelacht werden soll und darf bei Pudenz viel. Sofern er sich nicht gerade, wie bisweilen der Fall, tragischen Stoffen wie Verdis „Macbeth“ und „Rigoletto“ zuwendet. Schon bei einer frühen Opernproduktion ging es munter zu: Für Telemanns „Pimpinone oder Die ungleiche Heirat“ ließ er in den Fluren und in der Aula der Frankfurter Werner-von-Siemens-Schule passend zum Sujet wie bei einem Polterabend reichlich Geschirr zerschmettern. Das war 1982, und das Ganze wirkte auf Pudenz, nach eigenem Bekunden, „wie eine Droge“. Es war der Startschuss für die Kammeroper, deren Gründung als Verein im Jahr darauf erfolgte. Entstanden war die Idee, nachdem Pudenz auf der Straße einem ihm bekannten ehemaligen Statisten der Oper Frankfurt begegnet war, der inzwischen Dirigieren studierte. Er habe zu ihm gesagt: „Lass uns zusammen eine Oper machen.“

          Opernpublikum ohne Dresscode

          An der Oper Frankfurt sei er schon aus seinen Zeiten als Garderobier bekannt gewesen wie ein bunter Hund, erzählt Pudenz. Er wiederum kannte Sänger und Mitglieder des Museumsorchesters, aus denen sich ein Mitarbeiter-Grundstock für die erste kleine Produktion bildete. Der damalige Frankfurter Kulturdezernent Hilmar Hoffmann habe die Arbeit des Ensembles, das zu den wenigen freien Musiktheaterteams in Deutschland zählt, bald mit Interesse verfolgt und begleitet. Vor allem auf das Betreiben des damaligen Kulturamtsleiters Frank Mußmann hin sei der Kammeroper dann von der Stadt das Angebot gemacht worden, die Konzertmuschel des Palmengartens für ihre Produktionen zu nutzen.

          Im Vergleich zu den Open-Air-Produktionen am Holzhausenschlösschen sei es da „tausendmal besser“ gewesen, sagt Pudenz. Schließlich gab es neben der Bühne einen Raum, der als Garderobe und für die Lagerung des Produktionsmaterials genutzt werden konnte, sowie fest installierte Sitzbänke für die Zuschauer. Die Akustik sei ausgezeichnet, zugleich gebe es mehr Nähe zur Bühne als in einem modernen Opernhaus. Pudenz liebt die besondere Atmosphäre im Grünen, bei Proben und Aufführungen: wenn eine Entenfamilie durch die Reihen watschelt, während das mit Decken und Picknickkörben ausgestattete Publikum gebannt die Bühnenhandlung verfolgt. Er wollte von Beginn an ein solches „anderes Opernpublikum“ ohne Dresscode und zeigen, „dass Oper kein Ding für Reiche ist“.

          Die Produktion „La Traviata“ wurde 2012 aufgeführt. Bilderstrecke

          Im ersten Jahr im Palmengarten, 1994, brachte die Kammeroper gleich drei unbekannte Opern von Bizet und Donizetti auf die Bühne. Der Zuspruch war sofort groß. Verregnete Sommer und weniger gut angenommene Produktionen, zu denen als vermeintlicher Renner „Die lustige Witwe“ zählte, brachten die Kammeroper zwischenzeitlich zwei- bis dreimal an den Rand des Ruins. Mindestens die Hälfte der Kosten der Sommerproduktion muss sie wieder einspielen. Der gesamte Jahresetat, der zwischen 180 000 und 200 000 Euro liegt und auch andere Produktionen einschließt, speist sich darüber hinaus aus Zuschüssen der Stadt, des Landes und diverser Stiftungen. Weil kein Sänger und Mitarbeiter von dem auf diese Weise verdienten Geld leben kann, ist die Fluktuation relativ groß. Zu den langjährigen und bekannten Gesichtern zählen die Sopranistinnen Ingrid El Sigai, Petra Woisetschläger und Dzuna Kalnina sowie der Bass Bernd Kaiser. Auch der berühmte Bariton Johannes Martin Kränzle wirkte einst mit, allerdings als Geiger im Orchester. Es besteht inzwischen ausschließlich aus Amateuren, wobei es, laut Pudenz, durch eine Vielzahl von Bühnenorchesterproben gelingt, musikalisch ein den Werken angemessenes Niveau zu halten.

          Neben dem Palmengarten wird die Kammeroper nun voraussichtlich bald ihre erste eigene feste Spielstätte bekommen. Seit vielen Jahren ist geplant, die Fabrik in Sachsenhausen um einen entsprechenden Saalanbau zu erweitern, wozu eigens eine Stiftung gegründet wurde. Im nächsten Jahr soll mit dem Bau nun tatsächlich begonnen werden, von der Spielzeit 2020/21 an könnte er genutzt werden. Ein bisschen schade ist das nur insofern, als es die auf wechselnde Spielorte zugeschnittenen, oft vom Reiz der ungewöhnlichen Räume lebenden Produktionen nicht mehr geben würde, zu deren eindrucksvollsten 1994 „La strada della vita“ von Andrea Cavallari in der Union-Halle zählte. Ein neues Stück Cavallaris auf Basis von Nietzsches „Antichrist“ stellt Pudenz aber schon in Aussicht. Im Palmengarten werde es im nächsten Jahr jedoch zunächst eine Gegenüberstellung von deutscher und italienischer komischer Oper geben – mit Werken von Lortzing und wiederum Rossini.

          Rossinis „Verkehrte Braut“ ist im Palmengarten am 31. Juli sowie am 2., 3., 7., 9., 10., 14., 16. und 17. August von jeweils 19.30 Uhr an zu sehen.

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