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Kammeroper Frankfurt : „Oper ist kein Ding für Reiche“

Opernpublikum ohne Dresscode

An der Oper Frankfurt sei er schon aus seinen Zeiten als Garderobier bekannt gewesen wie ein bunter Hund, erzählt Pudenz. Er wiederum kannte Sänger und Mitglieder des Museumsorchesters, aus denen sich ein Mitarbeiter-Grundstock für die erste kleine Produktion bildete. Der damalige Frankfurter Kulturdezernent Hilmar Hoffmann habe die Arbeit des Ensembles, das zu den wenigen freien Musiktheaterteams in Deutschland zählt, bald mit Interesse verfolgt und begleitet. Vor allem auf das Betreiben des damaligen Kulturamtsleiters Frank Mußmann hin sei der Kammeroper dann von der Stadt das Angebot gemacht worden, die Konzertmuschel des Palmengartens für ihre Produktionen zu nutzen.

Im Vergleich zu den Open-Air-Produktionen am Holzhausenschlösschen sei es da „tausendmal besser“ gewesen, sagt Pudenz. Schließlich gab es neben der Bühne einen Raum, der als Garderobe und für die Lagerung des Produktionsmaterials genutzt werden konnte, sowie fest installierte Sitzbänke für die Zuschauer. Die Akustik sei ausgezeichnet, zugleich gebe es mehr Nähe zur Bühne als in einem modernen Opernhaus. Pudenz liebt die besondere Atmosphäre im Grünen, bei Proben und Aufführungen: wenn eine Entenfamilie durch die Reihen watschelt, während das mit Decken und Picknickkörben ausgestattete Publikum gebannt die Bühnenhandlung verfolgt. Er wollte von Beginn an ein solches „anderes Opernpublikum“ ohne Dresscode und zeigen, „dass Oper kein Ding für Reiche ist“.

Die Produktion „La Traviata“ wurde 2012 aufgeführt. Bilderstrecke

Im ersten Jahr im Palmengarten, 1994, brachte die Kammeroper gleich drei unbekannte Opern von Bizet und Donizetti auf die Bühne. Der Zuspruch war sofort groß. Verregnete Sommer und weniger gut angenommene Produktionen, zu denen als vermeintlicher Renner „Die lustige Witwe“ zählte, brachten die Kammeroper zwischenzeitlich zwei- bis dreimal an den Rand des Ruins. Mindestens die Hälfte der Kosten der Sommerproduktion muss sie wieder einspielen. Der gesamte Jahresetat, der zwischen 180 000 und 200 000 Euro liegt und auch andere Produktionen einschließt, speist sich darüber hinaus aus Zuschüssen der Stadt, des Landes und diverser Stiftungen. Weil kein Sänger und Mitarbeiter von dem auf diese Weise verdienten Geld leben kann, ist die Fluktuation relativ groß. Zu den langjährigen und bekannten Gesichtern zählen die Sopranistinnen Ingrid El Sigai, Petra Woisetschläger und Dzuna Kalnina sowie der Bass Bernd Kaiser. Auch der berühmte Bariton Johannes Martin Kränzle wirkte einst mit, allerdings als Geiger im Orchester. Es besteht inzwischen ausschließlich aus Amateuren, wobei es, laut Pudenz, durch eine Vielzahl von Bühnenorchesterproben gelingt, musikalisch ein den Werken angemessenes Niveau zu halten.

Neben dem Palmengarten wird die Kammeroper nun voraussichtlich bald ihre erste eigene feste Spielstätte bekommen. Seit vielen Jahren ist geplant, die Fabrik in Sachsenhausen um einen entsprechenden Saalanbau zu erweitern, wozu eigens eine Stiftung gegründet wurde. Im nächsten Jahr soll mit dem Bau nun tatsächlich begonnen werden, von der Spielzeit 2020/21 an könnte er genutzt werden. Ein bisschen schade ist das nur insofern, als es die auf wechselnde Spielorte zugeschnittenen, oft vom Reiz der ungewöhnlichen Räume lebenden Produktionen nicht mehr geben würde, zu deren eindrucksvollsten 1994 „La strada della vita“ von Andrea Cavallari in der Union-Halle zählte. Ein neues Stück Cavallaris auf Basis von Nietzsches „Antichrist“ stellt Pudenz aber schon in Aussicht. Im Palmengarten werde es im nächsten Jahr jedoch zunächst eine Gegenüberstellung von deutscher und italienischer komischer Oper geben – mit Werken von Lortzing und wiederum Rossini.

Rossinis „Verkehrte Braut“ ist im Palmengarten am 31. Juli sowie am 2., 3., 7., 9., 10., 14., 16. und 17. August von jeweils 19.30 Uhr an zu sehen.

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