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Neues Überwachungssystem : Preis der Freiheit

  • -Aktualisiert am

Sicherheit: Die Überwachungskameras am Hauptbahnhof werden modernisiert. Bild: dpa

Ob ein „intelligentes“ Überwachungssystem am Frankfurter Hauptbahnhof die persönliche Freiheit Einzelner einschränken könnte, wird nicht mehr diskutiert. Denn diese Freiheit ist einer ganz anderen Bedrohung ausgesetzt.

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          Die Frage, ob ein Verbrechen hätte verhindert werden können, stellt sich im Grunde immer, in diesem Fall jedoch auf besonders tragische Weise. Voraussichtlich wird der Mann, der dringend verdächtig ist, am 29. Juli einen Jungen und seine Mutter vor einen ICE gestoßen zu haben, strafrechtlich keine Verantwortung übernehmen müssen. Er handelte, so meinen die Psychiater, im Wahn, ohne Schuld während eines schizophrenen Schubs.

          Muss man das grauenhafte Geschehen im Frankfurter Hauptbahnhof mithin als Schicksalsschlag betrachten, es als nicht beherrschbar hinnehmen? An einem solchen Ort, wo täglich Hunderttausende kommen und gehen und sich Kriminelle, Extremisten und Psychopathen unter sie mischen, wäre eine solche Einstellung fatal. Großstadtbahnhöfe, Flughäfen, Hallen und Fußballarenen sind zu einer permanenten und extremen Herausforderung für alle geworden, die dort für Sicherheit sorgen sollen.

          Überfällige Modernisierung

          Selbst wenn niemand jemals wird sagen können, ob mit besseren technischen Möglichkeiten der mutmaßliche Mörder des Jungen vorher auf einem Bildschirm der Sicherheitskräfte im Frankfurter Hauptbahnhof aufgefallen wäre, und bei aller Skepsis, ob sich verwirrte oder von Hass getriebene Menschen überhaupt durch Kameras abhalten lassen: Die Modernisierung der Überwachungsanlage im Frankfurter Hauptbahnhof war überfällig.

          Zum einen hat der Tod des Jungen die übrig gebliebenen Bedenken, ob ein weitaus größer dimensioniertes, „intelligentes“ System nicht zu stark in die Grundrechte all derer eingreift, die friedlich unterwegs sind, ad absurdum geführt. In Tagen, in denen so viel von Verhältnismäßigkeit die Rede ist, wurde mit einem Mal klar, wie abstrakt und wirklichkeitsfremd diese Auseinandersetzung geworden ist.

          Schlimmere Feinde als den Überwachungsstaat

          Zum anderen bringt nur das Gefühl, es werde wenigstens alles Erdenkliche getan, um das Risiko in Grenzen zu halten, die meisten dazu, weiter frei und selbstbestimmt zu leben, zu reisen, in Konzerte oder zum Fußball zu gehen. Den Preis, sich unter Aufsicht im öffentlichen Raum zu bewegen, müssen daher auch jene bereit sein zu zahlen, die sich immer noch in einer Welt wähnen, deren dunkle Seiten sie glauben meiden zu können.

          Es ist der Preis einer Freiheit, die viel schlimmere Feinde hat als den angeblichen Überwachungsstaat.

          Helmut Schwan

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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