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Kamerafrau Nina Werth : Ein gedeutschtes Leben

Gemeinsam: Die Filmmacherinnen Nina Werth (links) und Angela Freiberg Bild: Wonge Bergmann

Als Kamerafrau kommt Nina Werth in diversen Milieus herum. Angela Freiberg ist Sozialmanagerin. Zusammen haben sie die Dokumentation „Geboren in Offenbach“ gedreht.

          5 Min.

          Nazime, die Schlagfertige, die sich nichts gefallen lässt, legt Wert darauf, „ein gutes Mädchen“ zu sein. Aber sie weiß, erst will sie eine Ausbildung, dann etwas aufbauen, dann Kinder kriegen. Bis auf die Traditionen ihrer Familie sei sie, die Tochter albanischer Einwanderer aus dem Kosovo, komplett „gedeutscht“.

          Eva-Maria Magel
          Leitende Kulturredakteurin Rhein-Main-Zeitung.

          Die Wortschöpfung, die Nazime häufig verwendet, erschien Nina Werth und Angela Freiberg so passend für das Leben ihrer Protagonistinnen, dass sie aus ihr am liebsten den Titel des ganzen Films gemacht hätten. Nun aber heißt er nicht „Gedeutscht“, sondern „Geboren in Offenbach“, weniger auf den Migrationsaspekt abgestellt und damit vielleicht noch treffender. Denn die drei Schwestern Bege, Nazime und Nagije, die zu Beginn des Films 21, 20 und 19 Jahre alt sind, mögen Mädchen aus einer Einwandererfamilie sein. Was sie umtreibt aber, jenseits all dessen, was ihr kultureller Hintergrund als muslimische Albanerinnen aus dem Kosovo mit sich bringt, sind die Sorgen, Nöte und Freuden, die junge Mädchen mit dem Erwachsenwerden und der Selbständigkeit haben. Es ist der Mix aus beidem, es ist aber auch der geduldige und lebensnahe Zugang der beiden Frankfurter Filmemacherinnen, der „Geboren in Offenbach“ prägt.

          Und es mag sein, dass in den gerade einmal 76 Minuten Film die Zeit und Energie nachwirken, die in ihre Herstellung flossen. Für „Geboren in Offenbach“ haben Werth und Freiberg die Schwestern fünf Jahre lang begleitet - bis sie den Eindruck hatten, eine Entwicklung sei zu ihrem Ende gekommen. Gute hundert Stunden Material hat Werth, die auch die Kamera führte, gedreht, zusammen mit der Cutterin Jystina Hajda haben sie und Freiberg daraus den Film komponiert. Nazime, Bege und Nagije mochten, was sie sahen, auch wenn es bisweilen schwer war und traurig. Oft aber auch sehr lustig. Nicht nur die drei lachen viel, sondern auch die Zuschauer.

          Blauhelmsoldaten und Kriegsrelikte

          Schon die Ausgangslage der Mädchen hatte Werth und Freiberg gefesselt. Als sie Grundschulkinder waren, starb die Mutter, der strenge Vater, bei dem sie aufwuchsen, war kaum zwei Monate tot, als die Dreharbeiten für den Film begannen. Bekanntschaft geschlossen hatten Werth und Freiberg mit den jungen Mädchen da schon lange. Vor zehn Jahren hat Freiberg, damals noch Studentin an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach, mit Werth als Kamerafrau den Dokumentarfilm „Die Schwestern Kokollari“ gedreht, eine Semesterarbeit für die Filmklasse, in der auch Werth einst studiert hat und in der sie heute unterrichtet und die Kamera bei studentischen Projekten führt. So kam es, dass Werth, Freiberg und der damalige Ko-Autor Ralph Mann im Jahr 2003 in das Kosovo reisten, nach Prishtina, wo Blauhelmsoldaten und Kriegsrelikte das Bild prägten. Die drei Teenager machten damals so wie in jedem Sommer Urlaub in der Heimat ihrer Eltern, die in den sechziger Jahren ausgewandert waren. Doch ihr Zuhause ist und bleibt Offenbach, wo die drei als jüngste von insgesamt fünf Schwestern geboren wurden.

          Mehr als zehn Jahre später, am Ende der Filmarbeiten zu „Geboren in Offenbach“, ist Nazime, die mittlere Schwester, allein. Der Kontakt zu ihrer Großfamilie ist abgebrochen, der zu ihren Schwestern allenfalls sporadisch. Erst bei der Premiere vor gut einem Jahr anlässlich des Lichter-Filmfestivals in Frankfurt kommt die Familie wieder zusammen. Dahin ist zu diesem Zeitpunkt das Leben in sicheren Blutsbanden. Nazime hat sich gegen die Tradition für einen Freund entscheiden, der nicht albanisch ist, während die jüngste Schwester nach einer „Blitz-Hochzeit“ noch während der Dreharbeiten einen jungen Mann aus dem Umfeld der Verwandtschaft ausgewählt hat. „Wir haben viel gelernt in diesen fünf Jahren. Unter anderem, dass man Wurzeln nicht kappen kann“, sagt Werth.

          Die angeregten Diskussionen nach den bisherigen Vorstellungen zeigten, dass der Film nachwirke, sagt Freiberg. „Er scheint etwas mit den Zuschauern zu machen.“ Umso wichtiger sei es, dass die Filmemacherinnen bei den Vorführungen und Diskussionen anwesend seien. In den nächsten Monaten wollen sie den Film auch an Berufsschulen zeigen, nahe an einem Publikum, das, so wie die drei Schwestern, „gedeutscht“ ist. Außerdem ermöglicht ihnen die Frankfurter Stiftung Maecenia im Februar eine Präsentation. „Es ist sehr befriedigend, dass es bei den Gesprächen niemals um die Form geht“, sagt Werth, „sondern immer um das Thema.“

          Was, sagt Freiberg zu Recht, an Werths Kamera liegt. So präsent und nah an den Personen, dass alle, die Gefilmten wie die Zuschauer, ihre Anwesenheit vergessen. Ein Phänomen, das sich auch an anderen Arbeiten Werths beobachten lässt. Ähnlich subtil hat sie in der Langzeitdokumentation „Mannheimer Schule“ (2006) die ersten Jahre der Mannheimer Popakademie und ihrer hoffnungsfrohen ersten Studenten begleitet. Nun möchte sie mit Freiberg weitere Langzeitprojekte verwirklichen. Unter anderem, sagt Werth, würde sie gerne einen Film über den Alltag mit Schizophrenie machen.

          Vermarktung gemeinsam verantworten

          Gemeinsam realisieren die beiden Frauen auch andere Filmprojekte, bei denen sie Idee, Schnitt, Produktion und Vermarktung gemeinsam verantworten und die Aufgaben teilen. Sie ergänzten einander ideal, sagen die beiden. Am 23. Januar ist „Geboren in Offenbach“ im Filmtheater Valentin in Höchst zu sehen. Als Teil des „Festivals des gescheiterten Films“ tourt er derzeit durch deutsche Großstädte. Gescheitert ist das Werk nach allen Kriterien erfolgreicher Filmwirtschaft: Weder sein Thema noch sein Format machten ihn tauglich für die Fernsehauswertung, stellt Werth nüchtern fest.

          Verdient haben weder sie und Freiberg noch ihre Helfer an dem Film, allenfalls Freundschaftspreise haben viele Beteiligte verlangt. Dankbar sind sie und Freiberg daher für die 40.000 Euro aus der Hessischen Filmförderung: „Die hatte den Mut, ein unpopuläres Projekt zu unterstützen. Nur eine Förderung kann neue Perspektiven zulassen.“ Denn auch der Boom der Dokus im Fernsehen verlangt standardisierte Zugriffe, keine Innovation - und das ist definitiv nichts für die beiden Frauen, die, jede für sich und als Produktionspartnerinnen, mit der Bereitschaft, auf vieles zu verzichten, Filme realisieren: „Dokumentarfilm ist eine wissenschaftliche Untersuchung ohne wissenschaftlichen Kontext“, sagen sie. Das etablierte Leben vieler Altersgenossen können die beiden sich nicht leisten, aber Werth weiß auch ganz genau: „40 Jahre Festanstellung bei einem Sender, das könnte ich gar nicht.“

          Freiberg hat sich früh dafür entschieden, zweigleisig zu fahren. Dank eines zusätzlichen Studiums in Sozialmanagement ist sie Quartiersmanagerin der Diakonie im Frankfurter Stadtteil Preungesheim. Soziale und filmerische Arbeit zu verknüpfen ist ihr ein Anliegen, auch wenn die wenigsten ihrer Klienten wissen, dass Freiberg neben ihrem Haupt- und Brotberuf Filme macht. Werth hingegen ist leidenschaftliche Kamerafrau. „Die Kameraarbeit befriedigt meine dokumentarische Neugier“, sagt sie. Im Beruf gehört sie einer Minderheit an, allenfalls zehn Prozent der Kameraleute sind Frauen. Werth arbeitet mit verschiedenen Dokumentarfilmern zusammen, dazwischen liegen Jobs wie das Filmen von Kulturfestivals, Unterricht, Workshops in Unternehmen, Fotoproduktionen, Trailer - ein Mosaik. Für ihre ureigenen Projekte braucht sie Zeit und Geld, nicht nur für Dokumentarfilme wie „Geboren in Offenbach“.

          Drehbuch und Regie für „Die Aufschneider“

          Auch Werths zweites Talent, das komödiantische, schlägt sich in Projekten nieder, die langen Atem verlangen. Erst im vorigen Jahr kam der verdiente Erfolg. Zusammen mit Carsten Strauch und Rainer Ewerrien, mit denen sie seit vielen Jahren gemeinsam arbeitet, erhielt sie für die ZDF-Comedy-Serie „Götter wie wir“ den Deutschen Fernsehpreis und einen undotierten Hessischen Filmpreis. Mit Strauch und Ewerrien hat Werth als Kamerafrau auch für Strauchs fast schon legendären Kurzfilm „Das Taschenorgan“ (2000) gearbeitet, in Strauchs erstem Kinofilm „Die Aufschneider“ führte sie sechs Jahre später nicht nur Regie, sondern schrieb, wie jetzt bei „Götter wie wir“, mit den beiden zusammen auch das Drehbuch. Der explosive Humor dieser Projekte (derzeit arbeiten die drei an einem „Götter wie wir“-Buch) ist für Werth auch eine Art Gegenhaltung zu ihrer dokumentarischen Leidenschaft: „Ich würde wohl unter der Grauenhaftigkeit der Welt zusammenbrechen, wenn ich sie nicht mit Humor nähme.“

          Im Höchster Kino Valentin ist „Geboren in Offenbach“ am 23. Januar zu sehen. „Götter wie wir“ läuft als Hessen-Special morgen von 20 Uhr an im Deutschen Filmmuseum Frankfurt.

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