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Bergbauunternehmen K+S : Salzabwasser muss in die Nordsee

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Alles im Fluss: Im osthessischen Philippsthal wird Salzwasser in die Werra geleitet. Bild: dpa

Wohin mit dem Salzabwasser aus dem Kalibergbau? Zur Entlastung der Werra könnte es durch eine Pipeline direkt in die Nordsee geleitet werden. Doch die Liste der Gegner und Befürworter ist lang.

          Seit mehr als einem Jahrhundert wird Salzabwasser aus dem Kalibergbau an der hessisch-thüringischen Grenze in die Werra geleitet. Von dort fließt es in die Weser und schließlich bei Bremerhaven in die Nordsee. Fast genauso lange wettern Umweltschützer gegen die Einleitung, die Werra ist der am stärksten mit Salz belastete Fluss in Mitteleuropa. Eine Lösung könnte eine Pipeline an die Oberweser oder gleich an die Nordsee zu sein. Die Fernleitung könne bis zu zehn Millionen Kubikmeter Wasser pro Jahr transportieren. Dagegen läuft nicht nur der Kali-Hersteller K+S Sturm, auch in Niedersachsen gibt es Protest.

          „Ohne Rückstände geht es nicht“, stellt K+S-Konzernchef Norbert Steiner klar. Wer die Arbeitsplätze in der Region wolle - immerhin rund 4400 im Werk Werra - müsse es „aushalten, dass Emissionen da sind“. Von Ende 2015 an sollen noch rund 7 Millionen Kubikmeter Abwasser etwa je zur Hälfte in den Untergrund gepresst und in die Werra geleitet werden. Dann läuft ein 360 Millionen Euro schweres Maßnahmenpaket von K+S aus, mit dem die Salzabwassermenge von 2006 (14 Millionen Kubikmeter) auf die Hälfte reduziert wurde.

          „Eine ökologische Katastrophe“

          Auch wenn die Anträge für die Pipelines derzeit vorbereitet werden - Steiner hofft, dass sie nie gebaut werden. Eine lokale Lösung sei günstiger und sicherer. Bis zu einer Pipeline-Lösung würde ohnehin noch fast ein Jahrzehnt vergehen, frühestens 2022 rechnet K+S mit einem Einsatz. Das Unternehmen braucht also eine Zwischenlösung, denn die Einleitung in die Werra ist nur bis November 2020 genehmigt, das Verpressen in den Untergrund nur bis November 2015. Bis zum Ende des Sommers soll deshalb ein Antrag auf Verlängerung gestellt werden.

          Die Werra-Weser-Anrainerkonferenz, ein Zusammenschluss von Kommunen, Verbänden, Vereinen und Wirtschaftsunternehmen, kritisiert die Pläne von K+S: „Statt des angestrebten „guten ökologischen und chemischen Zustands“ bleibt es dann bei der ökologischen Katastrophe in dem salzigsten Fluss Europas.“

          Werra wieder ein Süßwasserfluss?

          Auch bei der niedersächsischen Landesregierung überwiegt bislang die Skepsis. Rot-Grün lehne eine Pipeline zur Oberweser bei Bad Karlshafen ab „und wird alle Möglichkeiten nutzen, den Bau dieser Pipeline zu verhindern“, heißt es im Koalitionsvertrag.

          Für den grünen Umweltminister Stefan Wenzel wäre die Direkteinleitung in die Nordsee das kleinere Übel: „Als am ehesten geeignet für eine Einleitstelle wird ein Bereich angesehen, der außerhalb von Flussmündungen und FFH-Gebieten ein großes Wasservolumen und eine hohe, schnelle Vermischung aufweist“, heißt es in seinem Ministerium. Nach derzeitigen Erkenntnissen könnten diese Kriterien im Bereich der westlichen Innen-Jade nördlich von Wilhelmshaven erfüllt werden.

          Auch der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) favorisiert die Nordseepipeline. Sie biete „die Chance, dass Werra und Weser nach über 100 Jahren wieder zu Süßwasserflüssen werden können“, sagt der niedersächsische BUND-Chef Heiner Baumgarten. „Die Firmenleitung gefährdet ihren Betrieb und die Arbeitsplätze, wenn sie ihren Konfrontationskurs gegen die Natur und die berechtigten Forderungen der Bevölkerung nicht schnellstens aufgibt“, betont er.

          Hessen befürwortet Pipeline

          Doch in Niedersachsen gibt es auch Gegner der Nordseepipeline, denn die Einleitung erfolge nicht direkt in die offene See, sondern am Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer, dem Unesco-Weltnaturerbe im Jadebusen. Salzlauge in die salzige Nordsee - so einfach ist die Rechnung für Naturschützer nicht. Gemeinsam mit lokalen Politikern kritisieren sie, dass bisher keine Aussagen zur Gesamtbelastung der Jademündung vorliegen, etwa durch Baggerarbeiten und Verklappungen.

          K+S setzt derweil die hessische Landesregierung unter Druck. Das Werk Werra müsse die Kosten eines Pipelinebaus - rund 900 Millionen Euro Anfangsinvestitionen - alleine schultern und auch dann die wirtschaftlichen Voraussetzungen erfüllen. Heißt übersetzt: Wenn das Werk durch eine Pipeline oder fehlende Zuschüsse für das Projekt unrentabel wird, könnte es auch geschlossen werden - auch wenn Steiner sagt: „Ich kann mir nicht vorstellen, das Werk zu schließen.“

          Auch die hessische Landesregierung macht sich im Koalitionsvertrag für eine Pipeline stark, lässt aber offen, welche Variante sie bevorzugt. Arbeitsplätze sollen aber nicht gefährdet werden. Für Steiner ist beides zusammen nicht machbar: „Man muss sehen, das man nicht alles bekommen kann, was man will.“

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