https://www.faz.net/-gzg-715uf

Justizzentrum Wiesbaden : 255 Fenster zum Öffnen nicht geeignet

Verschlusssache: Etliche Fenster des Justizzentrums sind schon kaputt und lassen sich nicht mehr öffnen. Bild: Kretzer, Michael

Seit etwas mehr als einem Jahr wird das Justizzentrum in Wiesbaden genutzt. Doch schon sind mehr als 250 Fenster defekt. Es sind nicht die ersten Mängel, die am Objekt aufgetreten sind.

          2 Min.

          Von einem „Rundum-sorglos-Paket“ sprach der Geschäftsführer der Hannover Leasing, Friedrich Wilhelm Patt, als im Januar 2010 das Justizzentrum des Landes in Wiesbaden eröffnet wurde. Manche der dort Beschäftigten dürften das Versprechen inzwischen als blanken Hohn empfinden. So meldeten sich im Juni beispielsweise drei Mitarbeiter des Amtgerichts krank.

          Ewald Hetrodt

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Wiesbaden.

          Weil alle Fenster tagelang geschlossen bleiben mussten, bekamen sie Kopfschmerzen. Dass jetzt von rund 2000 Fenstern 255 schwere Mängel aufweisen, erregt auch die Opposition im hessischen Landtag. Abermals könne ein Prestigeprojekt der Landesregierung die anfänglichen Erwartungen nicht erfüllen, meint die SPD-Fraktion.

          Anspruch auf bedienbare Fenster geltend machen

          Allerdings muss sich das Land um das „Paket“, das ihm vor zweieinhalb Jahren in einer feierlichen Zeremonie gleichsam schlüsselfertig überreicht wurde, keine allzu großen Sorgen machen. Denn es handelt sich um ein sogenanntes PPP-Projekt. Das ist eine öffentlich-private Partnerschaft, bei der das Land über dreißig Jahre hinweg nur Mieter ist - und für eine Fläche von 33000 Quadratmetern pro Jahr 5,2 Millionen Euro hinblättert.

          „Wir haben einen Anspruch auf Fenster, die sich einwandfrei bedienen lassen“, sagt die Sprecherin des Hessischen Immobilienmanagements. „Und den machen wir geltend.“ Wer auf der Seite der Unternehmen für die aufgetreten Schäden finanziell haften müsse, habe sie nicht zu beurteilen. Nur so viel: „Wir nicht!“ Die Finanzierung des Bauwerks lag in den Händen der Hannover Leasing, Tochter der Landesbank Hessen-Thüringen und Initiatorin vieler geschlossener Fonds.

          Ein mehrfach ausgezeichnetes Objekt

          Der heutige Finanzminister Thomas Schäfer (CDU), der als Staatssekretär zunächst im Justizministerium und dann im Finanzressort mit dem Projekt betraut war, erklärte anlässlich der Eröffnung, dass das Land niemals in der Lage gewesen wäre, den Bau selbst zu finanzieren. Die Realisierung als PPP-Projekt habe für den Steuerzahler Einsparungen in einer Höhe von 14 Prozent bedeutet.

          Das Gebäudeensemble, zu dem auch ein Komplex der Stadt Wiesbaden gehört, umfasst ein Investitionsvolumen von insgesamt rund 130 Millionen Euro. Es wurde von dem Frankfurter Büro KSP Jürgen Engel Architekten entworfen und geplant. In der Immobilienbranche stieß das Objekt bundesweit auf Beachtung. Sie schlug sich in verschiedenen Auszeichnungen nieder.

          HSG: Offensichtliche Mängel

          Der private Generalübernehmer war die Bilfinger Berger Hochbau. Deren Tochter HSG Zander betreibt den Gebäudekomplex von der Reinigung der Räume bis zum Management des Parkhauses. So muss sie sich auch um die jetzt festgestellten Schäden kümmern. Dass die Fenster nicht den Anforderungen entsprächen, sei offensichtlich, heißt es bei der HSG.

          An ihrer Unterseite befindet sich eine bewegliche Metallstrebe, die dafür sorgen soll, dass sich der Flügel nicht weiter als 90 Grad öffnen lässt. Bei den bemängelten Objekten scheint dieser Mechanismus nicht zu funktionieren. Weil die Fenster sich zu weit öffnen lassen, werden die Scharniere so stark beansprucht, dass sie dabei beschädigt werden. Die Ware stammt nach den Angaben der HSG von einem chinesischen Hersteller.

          255 Fenster müssen vorerst dicht bleiben

          Als die Mängel am 13.Mai entdeckt wurden, bekamen die Mitarbeiter der unterschiedlichen Gerichte und der Staatsanwaltschaft die Anweisung, kein Fenster mehr zu öffnen. Wie der Sprecher des Amtsgerichts berichtet, blieb es dabei fünf Tage lang. Schließlich wurden alle Fenster eingehend inspiziert. Viele dürfen seitdem immerhin wieder gekippt werden. Nach einem weiteren Kontrollgang wurden 1662 Fenster wieder zur normalen Benutzung freigegeben. 255 müssen erst einmal dicht bleiben. Die Zufuhr von frischer Luft soll aber in jedem Raum wieder möglich sein.

          „Wir klären im Moment mit den anderen Beteiligten, wie es zu den Schäden kommen konnte“, sagt der Sprecher der HSG. Die Fenster müssten so schnell wie möglich ausgetauscht werden. Wie das am besten geht, soll in einem Konzept stehen, das das Hessische Immobilienmanagement für heute erwartet. Es ist übrigens nicht das erste Mal, dass in dem Bauwerk an der Mainzer Straße Mängel auftreten. Kurz nach der Eröffnung zeigten sich im Keller Wasserschäden, die Akten in Mitleidenschaft zogen. Sie konnten aber relativ rasch behoben werden.

          Weitere Themen

          „Empört Euch !? – Arm im Wohlfahrtsstaat“ Video-Seite öffnen

          Ökumenischer Kirchentag : „Empört Euch !? – Arm im Wohlfahrtsstaat“

          Die Deutschen leben in einem reichen Land, das Milliarden Euro mobilisieren kann, um die Auswirkungen der Corona-Pandemie zu bekämpfen. Und dennoch sind viele Menschen arm. Ein Gespräch zwischen Georg Cremer, ehemaliger Generalsekretär der Caritas, und Joachim Rock, Abteilungsleiter im Paritätischen Gesamtverband. Aus der Gesprächsreihe „Schaut hin- zum Ökumenischen Kirchentag 2021“.

          Topmeldungen

          In Wilmersdorf: Die Eva-Lichtspiele sind mit 106 eines der ältesten Kinos in Berlin.

          Corona-Hilfe : Die Kiezretter kommen

          Wird es die Eckkneipe und das Lieblingskino nach der Corona-Krise noch geben? Immer mehr Initiativen wollen das sicherstellen.
          Dirk Müller, Marc Friedrich und Matthias Weik (v.l.n.r.)

          Max Otte & Co. : Die Promi-Fonds im Crash-Test

          Crash-Propheten oder Medienstars wie Dirk Müller, Max Otte & Co. nutzen ihre Bekanntheit, um mit Fonds Millionen einzusammeln. Wie stark hat sie der Corona-Crash getroffen?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.