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Junges Staatstheater Mainz : So lebendig kann sie sein

Steckt in einer Sinneskrise: Kasienka (links), die Hauptdarstellerin des Jugendstücks „Die Sprache des Wassers“ Bild: Andreas Ettner

Nach mehreren Adaptionen wird das Jugendstück „Die Sprache des Wassers“ in einer eigenen Fassung am Jungen Staatstheater Mainz aufgeführt.

          Wer ist ich? Es gibt Kasienka, die liebe Tochter ihrer Mutter; Kasienka, die gute Schülerin; Kasienka, die Wütende, die Verliebte, die Verzweifelte. Wenn sie sich ansieht im Spiegel, dann hat sie keine Ahnung, wer sie eigentlich ist. Sie fühlt sich eckig, hässlich, allein. 13 Jahre alt zu sein, unsicher und fremd nicht nur in der eigenen Haut, sondern auch gleich in der Stadt und im Leben, das ist wahrlich kein Spaß. Aber Kasienka, das Mädchen mit den roten Haaren, hat einen Ort, ein Ding, in dem sie, buchstäblich, in ihrem Element ist: „Das Wasser ist eine eigene Welt, ein Land mit seiner eigenen Sprache, und die spreche ich fließend“ lautet der Schlüsselsatz von Sarah Crossans preisgekrönten Roman „Die Sprache des Wassers“, der 2012 erschienen ist.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Schon mehrfach ist er für das Junge Theater adaptiert worden, nun haben sich Regisseurin Asli Kişlal, Dramaturgin Katrin Maiwald und die drei Schauspieler der Produktion gemeinsam eine eigene Fassung am Jungen Staatstheater Mainz erarbeitet. Kasienka ist nun neu zugezogen nach Mainz, ihre Mutter sucht den Vater, der zwei Jahre zuvor die Familie verlassen hat und sich nie wieder meldete. Kasienka hat es schwer, in prekären Verhältnissen, mit der neuen Sprache, an einer Schule, in der zwei ekelhafte blonde Mädchen den Ton angeben und sie vom ersten Tag an mobben.

          Zwischen Ernsthaftigkeit und Witz

          Und dann verliebt sich Kasienka in Alexander, der auch schwimmt. Ihr erster, etwas missratener Kuss, die Reaktionen der beiden darauf sind nur eine der wundervoll zwischen peinlich, drastisch, urkomisch und todernst pendelnden Szenen, die den nur drei Darstellern aller neun Rollen gelingen. Überhaupt schafft „Die Sprache des Wassers“ eine Balance zwischen dem so ernsten Stoff und dem immer wieder lebhaft aufblitzenden Witz. Lebendigkeit ist überhaupt ein Hauptmerkmal jener Kasienka, die Gesa Geue so frisch und nah am Publikum spielt, dass man sich ihr kaum entziehen kann.

          Im Hintergrund der Bühne, die Birgit Kellner als wandelbares Schwimmbad mit allerlei witzigen Funktionen entworfen hat, sieht man sie im Video schwimmen. Dass sie sich dort im Wasser freischwimmt und langsam im Leben auch, wird optisch und akustisch sinnfällig. Denis Larisch ist ihr als Vater und Alexander ein prima Partner, mit Leoni Schulz, die auch die fahrig-verzweifelte Mutter spielt, ist er ein herrlich fieses Blondinenpaar. Ohne darauf zu beharren gelingt es den beiden, mit ihren steten Rollenwechseln auch, die Theaterillusion aufzubrechen, ohne sie zu zerstören. Mit dem Kunstgriff, Kasienka nach Mainz zu versetzen, ihre im Original polnischen Herkunft ebenso wegzulassen wie alle anderen näheren Definitionen, können Kasnienkas Schwierigkeiten und die Stärke, die sie beweist, vielleicht noch deutlicher hervorgekehrt werden.

          Kişlal, die schon „Als mein Vater ein Busch war“ am Staatstheater Mainz inszeniert hat, geht durchaus minimalistisch vor, was ausgezeichnet zu der ungewöhnlichen Herangehensweise Crossans passt: Denn wie später in dem Zwillingsdrama „Eins“ (2016) schreibt Crossan eine Art Versepos, ein ungewöhnliches Format für ein Jugendbuch, das die Ambivalenzen, das Dazwischen einer Jugendlichen spürbar macht.

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