https://www.faz.net/-gzg-9corn

Ärzte ohne Grenzen : „Kinder zu heilen ist die größte Freude“

Hilfe für die Kleinsten: Der Wächtersbacher Kinderarzt Christoph Höhn in einer Krankenstation im irakischen Mossul. Bild: Louise Annaud

Ebola, Tuberkulose und Unterernährung: Der Wächtersbacher Kinderarzt Christoph Höhn kämpft als Mitarbeiter von „Ärzte ohne Grenzen“ für die Gesundheit junger Menschen in der ganzen Welt.

          3 Min.

          Christoph Höhn ist ein Mann, dem das Gelingen näher liegt als das Scheitern. Deshalb ist er nicht Internist oder Allgemeinmediziner geworden, sondern Kinderarzt. Zwar sei es besonders traurig, wenn man einem Kind nicht mehr helfen könne, doch das komme zum Glück nur selten vor, viel seltener als bei Erwachsenen. Doch das ist nicht überall so. In armen Ländern, Krisen- und Kriegsgebieten sind es Kinder, die geschwächt besonders anfällig sind und selbst eher harmlosen Krankheiten nichts mehr entgegenzusetzen haben. Das hat der Wächtersbacher erlebt, als er Wochen und Monate bei Einsätzen für die Organisation „Ärzte ohne Grenzen“ unterwegs war.

          Luise Glaser-Lotz

          Korrespondentin der Rhein-Main-Zeitung für den Main-Kinzig-Kreis.

          Schon während des Medizinstudiums in Frankfurt zog es ihn in die Welt hinaus, so studierte Höhn zwei Semester in Prag und absolvierte das praktische Jahr in Jerusalem. Mit der Approbation in der Tasche folgte er als junger Assistenzarzt dem Beispiel eines Studienfreundes, der sich bei „Ärzte ohne Grenzen“ für ein Projekt in Kenia beworben hatte. Höhn führte es für 14 Monate nach Tadschikistan.

          In einem Krankenhaus in der Hauptstadt Duschanbe war er eingebunden in ein Projekt zur Heilung von Kindern und Jugendlichen, die von multiresistenten Tuberkulosekeimen befallen waren. Rund ein Dutzend internationale und cirka 50 örtliche Pflegekräfte und Mediziner arbeiteten mit. „Ich habe viel Schönes, aber auch Trauriges erlebt“, erinnert sich Höhn und erzählt von einem Mädchen, dessen Lunge so geschädigt war, dass es nicht überleben konnte. Schwer war es für ihn, zu erleben, wie Nebenwirkungen der Medikamente Kindern massiv zusetzen. Vier verschiedene Antibiotika musste das Mädchen bis zu neun Monate lang einnehmen. Heute gibt es laut Höhn verträglichere Mittel. Viele der kranken Kinder seien ihm ans Herz gewachsen. Sie als geheilt zu entlassen sei immer eine große Freude und Bestätigung der Arbeit gewesen.

          Zurück in ein normales Leben

          Vier Wochen ist es her, dass Höhn von seinem jüngsten Einsatz zurückgekommen ist. Fast ein halbes Jahr arbeitete er in einer Klinik im stark zerstörten irakischen Mossul. Etwa 450 Kinder wurden dort pro Monat geboren. Höhn arbeitete in der Notaufnahme und kümmerte sich um die Kinderstation mit zehn Betten. Vor allem die Einstellung der Iraker beeindruckte den Kinderarzt sehr. Die Leute klagten nicht und wollten vor allem eines: zurück in ein normales Leben. Ähnlich faszinierten Höhn einheimische Mitarbeiter eines Projekts in Südsudan. Von Mai bis September 2017 arbeitete er in einem von „Ärzte ohne Grenzen“ betriebenen Krankenhaus in der Nähe eines Lagers für Binnenflüchtlinge mit rund 120 000 Bewohnern. Allein die Geburtsstation hatte 160 Betten. Obwohl die heimischen Mitarbeiter in dem Bürgerkriegsland viel Schlimmes erlebt hätten, seien sie stets gut gekleidet und mit einem Lächeln im Gesicht zur Arbeit erschienen.

          F.A.Z.-Newsletter Familie
          F.A.Z.-Newsletter „Hauptwache“

          So beginnt der Tag in Frankfurt und Rhein-Main: das Wichtigste in Kürze, mit Hinweisen auf mobile Blitzer, Straßensperrungen, Gaststätten.

          Der bisher kürzeste Einsatz des Arztes war wohl auch der gefährlichste. Sechs Wochen verbrachte Höhn 2014 während des Ebola-Ausbruchs in Sierra Leone. In drei großen Zelten wurden rund 100 zum Teil todkranke Patienten isoliert und behandelt. Mehrmals am Tag zogen die Mediziner die gelben Schutzanzüge über, um die Kranken zu versorgen. Oft, so Höhn, sei es nur noch um die palliative Behandlung gegangen, um mit starken Schmerzmitteln das Sterben zu erleichtern. Das sei auch für andere Patienten wichtig gewesen, denn sie hätten erlebt, dass ihnen geholfen werde. Deshalb seien sicher viele Ebola-Patienten rechtzeitig gekommen und hätten die Krankheit nicht weitergetragen. Es sei ein schwerer Einsatz gewesen, sagt Höhn, aber auch ein erfüllender.

          Sein Engagement für die internationale Hilfsorganisation habe ihn reifen lassen. Er habe gelernt, mit unterschiedlichen Mentalitäten vor allem der Kollegen aus anderen Ländern umzugehen. „Am Anfang, in Tadschikistan, habe ich den einheimischen Ärzten durch meine direkte Art oft auf die Füße getreten. So etwas passiert mir heute nicht mehr.“ Mittlerweile könne er viel besser auf kulturelle Unterschiede eingehen und seine Anliegen behutsamer durchsetzen.

          Eingebunden in ein Team mit Spezialisten

          „Ärzte ohne Grenzen“ beschäftige nicht nur Ärzte, sondern auch Pflegekräfte sowie Verwaltungs- und Logistikpersonal und sei hervorragend vernetzt. So war Höhn nach seinen Worten stets eingebunden in ein Team mit Spezialisten aus vielen Ländern. So etwas stärke die internationale Gemeinschaft und den sozialen Gedanken weltweit.

          Um daran mitwirken zu können, musste Höhn manches auf sich nehmen. Außer der langen Abwesenheit von zu Hause und der Aufgabe, nebenbei seine Fachausbildung als Kinderarzt abzuschließen, waren das durchaus auch gesundheitliche Risiken. Und das bei einem deutlich bescheideneren Gehalt als das eines Assistenz- oder Facharztes in Deutschland. Ohne Mut und Idealismus gehe das nicht.

          Doch der Kinderarzt hat seinen Weg gefunden. Zum Beispiel fasziniert ihn die afghanische Kultur, einen Einsatz dort würde er trotz der kritischen Lage gerne machen. Zunächst einmal wird Höhn aber im September ein einjähriges Aufbaustudium „Public Health“ in London beginnen. Dabei geht es auch um den organisatorischen Überbau der weltweiten medizinischen Hilfe. Kinder zu versorgen und zu heilen sei ein wichtiger Aspekt, entscheidend sei aber auch, für eine effektive Organisation zu sorgen und die vorhandenen Ressourcen optimal zu nutzen. Neben den Hilfseinsätzen kann sich Höhn daher auch eine führende Aufgabe bei „Ärzte ohne Grenzen“ vorstellen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          In Offenbach wird gebaut – aber wie teuer wird die Grundsteuer?

          Bundestag stimmt am Freitag ab : Protokollnotiz soll die Grundsteuer retten

          Die Bundesregierung steht unter Druck: Ohne Einigung in Sachen Grundsteuer müssen die Kommunen auf mehr als 14 Milliarden Euro im Jahr verzichten. Viel spricht dafür, dass FDP und Grüne die geplante Reform ermöglichen werden.
          Gergely Karacsony am Sonntag nach seinem Wahlsieg in Budapest

          Kommunalwahlen in Ungarn : Die Hauptstadt wendet sich gegen Orbán

          Die Fidesz-Partei des Ministerpräsidenten erleidet empfindliche Niederlagen in Budapest und anderen wichtigen Städten. Das hat mit Skandalen und Korruptionsvorwürfen zu tun, aber auch mit einer Kooperationsstrategie der Opposition von links bis ganz rechts.
          Der amtierende indische Ministerpräsident Narendra Modi

          Hohe Verschuldung : Weltbank warnt vor indischer Krise

          Die Lage der Banken wird prekärer. Von faulen Krediten im Volumen von rund 150 Milliarden Dollar ist die Rede. Nun schlagen die Probleme aus dem Finanzsektor auf die Binnenwirtschaft durch.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.