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„Plastic Bag Challenge“ : Gerüchte aus dem Ministerium

Gefährlicher Irrsinn oder bloß Gerücht? Ein Jugendlicher soll bei einer „Plastic Bag Challenge“ gestorben sein. Bild: dpa

Ein Junge stirbt angeblich bei einer gefährlichen Online-Challenge mit einer Plastiktüte. Ministerien warnen vor Nachahmung. Doch hat der Vorfall so überhaupt stattgefunden?

          3 Min.

          Am Anfang steht ein Gerücht. Die Nachricht kann keine offizielle Stelle bestätigen. Dabei haben hessische Ämter und ein Ministerium selbst zur Verbreitung beigetragen. Vor etwa zwei Monaten, als ein 14 Jahre alter Junge in einem Dorf im Westerwald auf tragische Weise erstickte, weil er sich eine Plastiktüte über den Kopf gezogen hatte, entstand das Gerücht. Die Westerwälder sahen sich in Sportkursen, im Supermarkt, trafen sich auf der Straße und erzählten sich von dem Unglück.

          Sarah Obertreis

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Irgendwann kam ein gefälschter Aufruf zur Sprache, der sich schon vor drei Jahren in den englischsprachigen Teilen des Internets verbreitet hatte: Auf den Fotos sind weiße Plastiktüten zu sehen, die wie Quallen durchs Meer schweben, eine Krähe, die Plastikfetzen im Schnabel trägt, und eine Schildkröte, die sich in einer Plastikplane verheddert hat. Neben diesen Motiven finden sich auf Englisch Sätze wie: „100.000. So viele Meerestiere sterben jedes Jahr, weil sie an einer Plastiktüte ersticken.“ Am Ende steht: „Für jede Minute, die du eine Plastiktüte über den Kopf gestülpt und zusammen gebunden trägst, wird der WWF fünf Dollar für die Säuberung [der Meere] spenden.“ Der Aufruf lief in den sozialen Netzwerken Twitter, Instagram und Facebook und trug Logos renommierter Umweltschutzorganisationen.

          WWF entlarvt Fälschung

          Der WWF stellte jedoch schon kurz darauf klar: Das ist eine Fälschung. Keine anerkannte Organisation würde Menschen auffordern, sich derart zu gefährden. Der Aufruf waberte einige Monate durchs englischsprachige Netz, oft verbunden mit grausamen Todeswünschen oder Warnungen in Großbuchstaben. Dann geriet er in Vergessenheit. Bis vor zwei Monaten besagter Junge im Westerwald erstickte und bei der Frage nach seinen Todesumständen eine Person auf die „Plastic Bag Challenge“ stieß. Der Sprecher des zuständigen Polizeipräsidiums in Koblenz sagt: „Es gibt keine Anhaltspunkte dafür, dass dieser Todesfall mit der ,Plastic Bag Challenge‘ zusammenhängt. Es könnte ein Suizid sein.“

          Nichtsdestotrotz breitete sich das Gerücht aus, bis es Mitte September bei Rüdiger Klotz, Leiter der Realschule im rheinland-pfälzischen Katzenelnbogen, auf offene Ohren stieß. Eine Lehrerin hatte zufällig von dem Tod des Vierzehnjährigen sowie der „Plastic Bag Challenge“ erfahren und berichtete Klotz davon. Der Schulleiter setzte sich sofort hin und schrieb einen Brief an Lehrer, Schüler und Eltern, in dem er auf den Tod des Jungen verwies und vor der „Plastic Bag Challenge“ warnte. Anschließend informierte Klotz das zuständige Schulamt in Rheinland-Pfalz. Auf Nachfrage sagt er über den Todesfall: „Ich weiß nicht, ob es Suizid war oder diese Challenge, aber ich wollte präventiv vorgehen.“

          Plastic Bag Challenge

          Eine Journalistin der „Rhein-Zeitung“ griff die Geschichte auf. Sie gehörte zu den Eltern, die Klotz warnte. Am 18. September erschien auf der Website der Zeitung der Artikel „Erstickten zwei Schüler durch Plastiktüte?“. In dem Text heißt es: „Mindestens ein Jugendlicher ist in den vergangenen Wochen im Westerwald vermutlich bei einem Internettrend, der sogenannten Plastic Bag Challenge, ums Leben gekommen.“ Außerdem ist von einem möglichen zweiten Todesfall die Rede.

          Während der erste Todesfall von der Polizei bestätigt wurde, aber von den Beamten nicht in Zusammenhang mit der „Plastic Bag Challenge“ gebracht wird, gibt es einen zweiten Todesfall laut Polizei nicht. Doch das Gerücht war nun in der Welt.

          Einige Schüler im benachbarten hessischen Schulbezirk Weilburg begannen über die „Plastic Bag Challenge“ zu sprechen; besorgte Eltern meldeten sich zu Wort. So berichtet es das zuständige Staatliche Schulamt für den Lahn-Dill-Kreis und den Landkreis Limburg-Weilburg. Das Amt erfuhr kurz vor den Herbstferien von dem Todesfall. Eine Woche nach Ende der Ferien, exakt einen Monat nachdem der Bericht der „Rhein-Zeitung“ erschienen war, verschickte es einen Warnbrief an alle Schulen im Bezirk: Achtung vor der „Plastic Bag Challenge“! Der Sprecher des Schulamts Weilburg sagt, zum Teil hätten sich wohl Schüler an der „Plastic Bag Challenge“ versucht, aber verifizieren lasse sich das nicht.

          „Gerüchtehalber“ vom Fall erfahren

          Claudia Lehnhäuser, Jugendkoordinatorin im Polizeipräsidium Westhessen, hatte da schon „gerüchtehalber“ von dem Tod des Vierzehnjährigen erfahren. Sie wohnt in der Nähe der Familie des verstorbenen Jungen. Als auch die „Rhein-Zeitung“ darüber berichtete, reagierte die Beamtin. Sie gibt Seminare an Schulen über die Gefahren neuer Medien. Beim nächsten Seminar an einem Gymnasium in Weilburg am 24. Oktober baute sie die „Plastic Bag Challenge“ in ihren Vortrag ein. „Weil es gerade bei uns im Westerwald aktuell war, habe ich noch schnell eine Folie dazu für meine Präsentation gebastelt“, erzählt Lehnhäuser. Ihr persönlich sei aber kein Fall bekannt.

          Über das Amt in Weilburg erfuhr nun auch das hessische Kultusministerium von der Sache. Sprecher Philipp Bender sagt, ein Schulpsychologe im Ministerium habe empfohlen, eine hessenweite Benachrichtigung herauszugeben. Dem folgte das Ministerium: Am 31. Oktober schickte es einen Brief an alle Schulämter in Hessen, mit der Bitte, vor der „Plastic Bag Challenge“ zu warnen. Die Eltern in Hessen erreichten Anfang November Mails mit Sätzen wie: „Derzeit kursiert im Internet ein Aufruf, der sich ,Plastic Bag Challenge‘ nennt. Im Schulamtsbereich Weilburg ist ein vierzehnjähriger Schüler dabei ums Leben gekommen. Bitte seien Sie wachsam.“

          Einen entsprechenden Todesfall im Schulamtsbezirk Weilburg hat es der hessischen Polizei zufolge jedoch nie gegeben. Auch sonst wisse man in Hessen von keinen derartigen Unglücken. Der Sprecher des Polizeipräsidiums Koblenz seufzt. „Wir kriegen dieses Ding nicht mehr eingefangen“, sagt er über das Gerücht und: „Wir hassen so etwas.“ Die englischsprachigen Trolls, die den Begriff „Plastic Bag Challenge“ vor mehr als vier Jahren in Umlauf brachten, dürfte dagegen die unverhoffte Wiedergeburt ihres grausamen Scherzes freuen.

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