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Jugendstil im Museum Wiesbaden : Die Einheit von Kunst und Leben

Fließende Formen, betörende Farben: Porzellanfigur aus der Jugendstil-Sammlung Neess Bild: Marcus Kaufhold

Mit der Sammlung Neess kam der Jugendstil ins Museum Wiesbaden. Nun beschäftigt sich die Stadt ein Jahr lang mit allen Aspekten der Epoche.

          Der Jugendstil ist an Wiesbaden nicht spurlos vorübergegangen. Das wäre auch merkwürdig, wenn die letzte internationale Kunstrichtung, die viel mehr als das war, in dem einstigen Weltkurort, wo sich ganz Europa ein Stelldichein gab, keine Spuren hinterlassen hätte. Doch man hat ihnen dort lange nicht mehr viel Beachtung geschenkt. Das änderte sich gleichsam über Nacht, als vor zwei Jahren mit der Jugendstilsammlung von Ferdinand Wolfgang Neess eine der weltweit bedeutendsten Kollektionen mit Objekten aus Jugendstil und Art déco ins Museum Wiesbaden kam.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Wo sie vom 29. Juni an in eigens dafür hergerichteten Räumen nicht einfach nur gezeigt, sondern aufwendig inszeniert wird. So avanciert dank der großzügigen Schenkung des einstigen Kunsthändlers und seiner Frau Danielle eine private zu einer öffentlich zugänglichen Sammlung. Und in der hessischen Landeshauptstadt wird jetzt der Fokus auf eine Epoche gelenkt, die bislang in der Rhein-Main-Region vor allem mit Darmstadt und Bad Nauheim verbunden wurde.

          Leben und Kunst als Einheit

          Gestern haben Kulturdezernent Axel Imholz, Kulturamtsleiter Jörg-Uwe Funk, Kulturfonds-Geschäftsführer Helmut Müller und Kustos Peter Forster vom Museum Wiesbaden das „Jugendstiljahr 2019/20“ vorgestellt. Mit Ausstellungen, Konzerten, Opernaufführungen, Theaterstücken, Lesungen und Filmen soll von Ende Mai an erlebbar werden, dass der Jugendstil nicht nur sämtliche seinerzeit existierenden künstlerischen Sparten umfasste, mithin der Idee vom Gesamtkunstwerk folgte, sondern auch Leben und Kunst als Einheit begriff. Vorträge, Führungen, Seminare und Workshops ergänzen ein Programm, in dem es um freie und angewandte Kunst geht, um Architektur und Wohnraumgestaltung, um Literatur und Musik, um die Gedanken einer Lebensreform, in der die Natur ebenso zu ihrem Recht kommen sollte wie die von Menschen gestaltete schöne Form. Beides verschmolz etwa bei den damals so beliebten floralen Motiven zu einer Einheit.

          Es fließt und weht, eines geht ins andere über, das Ornament ist kein Verbrechen, sondern eine emotionale Notwendigkeit: Der Jugendstil versuchte noch einmal, eine Ästhetik mit umfassendem Anspruch zu entwickeln. „Es gab keine Denkgrenzen für diese Künstler“, sagte Kustos Forster, der von der Sammlung Neess nur in Superlativen sprach. Es sei die größte Schenkung, die das Museum Wiesbaden jemals erhalten habe. Mit einem Schlag wurde das Haus zu einem Zentrum der Präsentation und Erforschung von Jugendstil und Art déco, was zwangsläufig dazu führte, dass man sich nun in der Stadt auch mit anderen Aspekten der Kunstbewegung beschäftigt. Und damit, wie sie in Wiesbaden präsent ist.

          Ein wichtiger Partner bei diesem Vorhaben ist das Hessische Staatstheater Wiesbaden, aber auch Institutionen wie die Caligari Filmbühne oder das Literaturhaus Villa Clementine leisten Beiträge zum Veranstaltungsreigen. Insgesamt listet das Programmheft 26 Wiesbadener Einrichtungen auf, die sich am „Jugendstiljahr“ beteiligen. Helmut Müller sprach von den beiden Vergabekriterien des von ihm geleiteten Kulturfonds Frankfurt/Rhein-Main: Exzellenz und Vernetzung. Manchmal gebe es auch beides. Wie bei dem jetzt in Wiesbaden vorgestellten Projekt.

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