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Jugendpsychiatrie in Frankfurt : Manchmal hilft ein Biss in die Chili-Schote

Hilft vielen Jugendlichen: Christine Freitag, die Direktorin der Kinderpsychiatrie am Universitätsklinikum Bild: Fricke, Helmut

Auf einer speziellen Psychiatrie-Station im Universitätsklinikum lernen Jugendliche, impulsives Verhalten und Aggressionen zu kontrollieren.

          3 Min.

          Auf manchen Schulhöfen geht es rauh zu. Da wird gebrüllt, geschubst und gerauft. Rangeleien unter Jungen werden in Maßen toleriert. Etwas anderes ist es, wenn Lehrer angeschrien oder sogar angegriffen werden. Oft seien psychische Leiden die Ursache für solch aggressives Verhalten, sagt Christine Freitag, Direktorin der Kinderpsychiatrie am Universitätsklinikum. Seit 2012 bietet die Klinik eine spezielle Therapie für Kinder und Jugendliche, die an einer Impulskontrollstörung leiden. Die personalaufwendige Behandlung kann nach der Einführungsphase nun mit Unterstützung der Verkehrsgesellschaft Frankfurt fortgeführt werden, die dafür 10.000Euro gespendet hat. Denn die Tagessätze der Krankenkassen reichten zwar für die Grundversorgung, nicht aber die intensive Therapie, sagt die Direktorin.

          Ingrid Karb
          Blattmacherin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Auch Mädchen zeigen aggressives Verhalten, sie gehen laut Freitag jedoch meistens anders mit ihrer Wut um. Während Jungen sie stärker nach außen trügen, ließen Mädchen negative Gefühle häufiger an sich aus. „Selbstverletzendes Verhalten hat in den vergangenen Jahren zugenommen“, berichtet Freitag. Die Betroffenen versuchten, emotionalen Druck abzubauen, indem sie sich Schmerzen zufügten. Auch die Bulimie, bei der sich die Betroffenen nach Essattacken übergeben, sei letztlich eine Impulskontrollstörung.

          Mehr Mädchen in Therapie

          Auf der sogenannten Dialektisch-Behavioralen Therapiestation können gleichzeitig zehn Jugendliche aufgenommen werden. Die Teilnahme an der Behandlung ist freiwillig, Einweisungen auf die Station wegen gefährdenden aggressiven Verhaltens gibt es nicht. Die Patienten müssten motiviert sein, damit die Therapie Erfolg habe, sagt Freitag.

          Patienten, die sich selbst schädigten, seien eher bereit, etwas zu ändern, als jene, die andere schädigten. Deshalb würden auf der Station auch mehr Mädchen als Jungen im Alter von 13 Jahren an behandelt. Gerade an der „Grenze zum Erwachsensein“ wollten viele ihr Verhalten ändern, berichtet Freitag. Ohne Unterstützung gelinge ihnen das jedoch kaum. Das Anti-Aggressionstraining in der Klinik habe schon in der Startphase gute Ergebnisse erbracht.

          Lieber den Schmerz einer Chili

          Das Programm dauert nach Angaben des zuständigen Oberarztes Tomasz Jarczok etwa zwölf Wochen. In der Klinik wird zum einen die zugrundeliegende psychische Störung behandelt, etwa eine Depression, eine Angststörung oder ADHS. Zum anderen wird das aggressive Verhalten thematisiert. Die Patienten lernen, was sie in Konfliktsituationen anders machen können.

          Ein 15 Jahre altes zurückhaltendes, fast schon schüchternes Mädchen, das über Monate in gedrückter Stimmung gewesen sei und sich immer mehr zurückgezogen habe, sei in die Klinik gekommen, weil sie sich mit einem Messer in Unterarme und Beine geschnitten habe, erzählt Jarczok. Die Depression werde mit Medikamenten behandelt. In der Therapie erhalte die Patientin zusätzlich praktische Tipps. Künftig werde sie bei unangenehmen Gefühlen auf eine Chili-Schote beißen, statt sich mit einer Klinge zu verletzen.

          Wohin mit der Wut?

          Ein 16 Jahre alter Junge, der schon mehrmals wegen Suizid-Ankündigungen auf der Akutstation behandelt worden sei, habe die Trennung von seiner Freundin nicht verwunden. Er habe sie verfolgt und sei regelrecht zum Stalker geworden. Statt ihr nachzulaufen, wolle er künftig zu Hause laute Musik hören. Außerdem versuche er, andere Freundschaften aufzubauen und sich nicht auf eine Freundin zu fixieren.

          Seine Patienten seien weder andauernd noch besonders aggressiv, sagt Jarczok. Es handele sich um Phasen einer psychischen Grunderkrankung, in denen es zu Wutanfällen, heftigem Streit, verbalen und körperlichen Auseinandersetzungen oder Selbstverletzungen komme. Die Handlungsempfehlungen sollten den jungen Leuten helfen, das aggressive Verhalten schnell wieder abzulegen, damit es sich nicht verfestige. Irgendwann würden sie merken, dass die Gefühle auch weggingen, wenn sie nichts unternähmen.

          Gespräche mit den Eltern

          Die Jungen und Mädchen gälten als schwierig. Viele müssten erst lernen, freundlich aufeinander zuzugehen, berichtet der Oberarzt. Auch könnten sie das Gelernte nicht von heute auf morgen einsetzen. Deshalb träten sie selbst in der Klinik gegen Türen oder verletzten sich mit Klingen. Eine Regel auf der Station laute jedoch: „Wir zeigen uns nicht die Selbstverletzungen.“ Zu groß sei die Gefahr der Nachahmung.

          Über das Verhalten wird in Einzel- und in Gruppensitzungen gesprochen, die jeweils zweimal in der Woche stattfinden. Darüber hinaus stehen Anti-Aggressionstraining und Entspannungsübungen auf dem Programm. Alle zwei Wochen gibt es ein Familiengespräch mit den Eltern, die auch Ratschläge für den Umgang mit ihren Kindern bekommen. Jarczok sagt, es sei wichtig, das Verhalten abzulehnen, den Kindern und Jugendlichen aber zu signalisieren, dass man sie als Person schätze.

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