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Jugendliche im Gefängnis : Lieber in der Werkstatt als in der Zelle

  • -Aktualisiert am

Auf den Zeugnissen dieses Lehrbetriebs darf nicht stehen, wer sie ausgestellt hat: die Autowerkstatt in dem Wetterauer Jugendgefängnis Bild: Rainer Wohlfahrt

In Rockenberg sitzen straffällig gewordene Jugendliche ihre Zeit nicht einfach ab. Sie können einen Schulabschluss nachholen oder eine Ausbildung machen.

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          Yusuf blickt in den Motorraum eines schwarzen Kleinwagens. Seit knapp einem halben Jahr lernt er, was eine Einspritzdüse ist und worauf es beim Reifenwechsel ankommt. Bei seiner Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker steht der 19 Jahre alte Mann unter besonderer Beobachtung, denn Yusuf wurde zu einer mehrjährigen Gefängnisstrafe verurteilt. Er hat schwere Raubüberfälle begangen. Sein Ausbildungsbetrieb befindet sich deshalb hinter hohen Mauern, in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Rockenberg. Schon als kleines Kind sei er von Autos fasziniert gewesen, erzählt Yusuf. Mit der Ausbildung gehe ein Traum in Erfüllung. Der Vater eines kleinen Sohnes sagt: „Die Strafe zu bekommen hat mich schon krass verändert. Ich habe erkannt, dass es viele andere Wege gibt, Geld zu verdienen.“ In Zukunft wolle er das mit dem Reparieren kaputter Autos tun, er sei geläutert, sagt er.

          Kfz-Meister Thomas Uhl ist trotzdem wachsam. Er trägt dafür Sorge, dass die Jugendlichen, die meistens zwischen 18 und 19 Jahre alt sind, friedlich bleiben. Seine Arbeit sei ein Spagat, sagt er. Er müsse den jungen Männern Vertrauen entgegenbringen und gleichzeitig ein wachsames Auge haben. Bis auf eine kleinere Auseinandersetzung zwischen zwei Gefangenen habe es in seinen 14 Dienstjahren aber keine Zwischenfälle gegeben. „Damit das so bleibt, zähle ich jeden Abend die Werkzeuge“, sagt er. Fehlte einmal auch nur ein kleiner Schraubendreher, die JVA stünde Kopf: Denn beinah jedes Werkzeug könnte auch als Waffe eingesetzt werden, sagt Uhl.

          Mehr Jugendliche mit psychiatrischen Diagnosen

          In Rockenberg absolvieren 80 Prozent der 190 Gefangenen eine Ausbildung oder besuchen die gefängniseigene Schule. Die Heranwachsenden können zwischen sieben Ausbildungsberufen wählen. Die Ausbildungen zum Kfz-Mechatroniker und zum Maler seien besonders beliebt, sagt Robert Thiel, Leiter der Schule und der beruflichen Bildungsmaßnahmen in der JVA. Aber auch Koch wollten viele werden. Das liege möglicherweise daran, dass es in der Lehrküche deutlich besseres Essen gebe als in der Anstaltsküche, ergänzt sein Kollege Mario Watz und lächelt. Er lernt die Neuzugänge zuerst kennen. Als Leiter der sogenannten Zugangsdiagnostik beurteilt er ihre Fähigkeiten mit einer Reihe standardisierter Tests. Die jungen Männer müssen zeigen, wie gut sie lesen, rechnen und schreiben können und ihr handwerkliches Geschick unter Beweis stellen. Erst dann wird entschieden, ob sie schulische Bildungsmaßnahmen besuchen oder eine Ausbildung beginnen können.

          „Wir stellen fest, dass immer mehr Jugendliche mit psychiatrischen Diagnosen hier reinkommen“, meint Watz. Gut 20 Prozent der Gefangenen hätten einen besonderen Förderbedarf, hätten Lernbehinderungen, seien verhaltensauffällig. Deshalb setze die JVA in Rockenberg auf eine intensive soziale Betreuung der Gefangenen. Vor wenigen Jahren sei ein Sozialarbeiter für 20 bis 40 Jugendliche zuständig gewesen, heute nur noch für noch acht bis zehn. So könnten Konflikte schneller erkannt und behoben werden, sagt Watz. Die Arbeit der Lehrer bleibt trotzdem eine Herausforderung. „Wir haben hier junge Männer die keine zehn Sekunden stillsitzen können, weil sie es nie gelernt haben“, sagt Watz. Deshalb bräuchten die Lehrkräfte in Rockenberg eigentlich eine zusätzliche therapeutische Qualifikation, findet er. Vor allem sei es aber eine Frage der Persönlichkeit, ob ein Lehrer vor dem schwierigen Klientel bestehen könne, sagt Robert Thiel. „Menschen, die sehr ängstlich sind, können hier nicht arbeiten. Die Gefangenen merken das sofort.“

          Ausbildung dauert mindestens drei Jahre

          Damit die Lehrer ihrer Arbeit überhaupt nachgehen können, befinden sich maximal zehn Schüler in einer Klasse. Außerdem ist das Lernen hinter Gittern stark auf die Bedürfnisse der Jugendlichen zugeschnitten. Neben zwei Kursen, in denen der Hauptschulabschluss erworben werden kann, gibt es einen Lehrgang, der sich gezielt an ausländische Gefangene richtet, einen Kursus „Deutsch als Fremdsprache“ zum Beispiel.

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