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Jugendkirchentag Darmstadt : Schmetterlingstaktik fürs Stadion und für das Leben

  • -Aktualisiert am

Engelsgeduld: Besucher warten auf dem Kirchenjugendtag auf das Konzert von Mateó. Der Regen verhinderte es. Bild: Kretzer, Michael

Rockkonzerte, Aquaparty oder Fußball-WM: Das Programm des Evangelischen Jugendkirchentages in Darmstadt enthält auch Profanes. Am Sonntag endet das Fest.

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          22 oder 23 Wasserkisten hat der junge Mann aufgestapelt. Auf der Spitze balanciert er – da kommt der Windstoß. Sehr, sehr langsam neigt sich das schmale Bauwerk und kippt schließlich um. Alles stürzt zu Boden. Nur der Kletterer, der in luftiger Höhe vergeblich ums Gleichgewicht gekämpft hat, fällt nicht. Gottes Helfer sind zur Stelle. Drei Jugendliche, die den Darmstädter Alpinisten mit Seilen sichern, lassen ihn noch einen Moment über den Köpfen der Zuschauer schweben, dann bringen sie ihn gefühlvoll zur Erde zurück. Auf ihren schwarzen T-Shirts steht nicht „Bergwacht“, sondern „Von Gott gebraucht“.

          In diesem rustikalen Sinne mangelte es am Freitag auf dem Evangelischen Jugendkirchentag in Darmstadt an himmlischen Helfern ebenso wenig wie an abenteuerlichen Himmelsstürmern. Ob auf dem Karolinenplatz, dem Mercks- und Friedensplatz oder in der Rudolf-Müller-Anlage: Überall bot sich den Jugendlichen der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) Gelegenheit, sich selbst, anderen, der Welt oder Gott zu begegnen. So zumindest lauten die Versprechen der vier Themenparks, die am Samstag noch besucht werden können. Sonntag endet der 7. Jugendkirchentag mit einem Abschlussgottesdienst im Wissenschafts- und Kongresszentrum um 10 Uhr.

          Christliche Rockband auf dem Karolinenplatz

          Dort war die Veranstaltung, zu der die EKHN seit 2002 alle zwei Jahre unter dem Motto „g(o)od days & nights“ einlädt, am Donnerstag von Kirchenpräsident Volker Jung und Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) eröffnet worden. Bouffier nannte den Jugendkirchentag „ein Fest des Glaubens, der Besinnung, des Kennenlernens und gemeinsamen Feierns“. Es sei eine Veranstaltung, die zeige, dass „die Kirche in der Mitte unserer Gesellschaft steht“. Jung äußerte, das Treffen solle Jugendliche motivieren, Kirche und Gesellschaft mitzugestalten. Ihre Mitarbeit sei von grundlegender Bedeutung, wenn Kirche lebensnah, lebendig und zukunftsorientiert sein wolle.

          An Lebendigkeit mangelte es der protestantischen Jugend am Freitag jedenfalls nicht. Schon um 10 Uhr war zum Beispiel das Zelt auf dem Karolinenplatz völlig besetzt, in dem eine christliche Rockband aus Bad Vilbel das Kirchenlied „Bewahre uns Gott“ intonierte und der Frankfurter Studenten- und Stadionpfarrer Eugen Eckert in die Theologie des Fußballs einführte. Eckert, der im Fußball eine Art Theater des Lebens sieht, schrieb darüber sogar ein Buch mit dem Titel „Der Heilige Geist ist keine Schwalbe. Gott, Fußball und andere wichtige Dinge“.

          Public Viewing des WM-Spiels und Taizé-Gebet

          Von der Vielfalt der Lebensdramatik auf grünem Rasen griff er für seine jungen Zuhörer einen sehr aktuellen Aspekt heraus, den Konter – also jene spielerische Verhaltensweise, der England am Donnerstag zum Opfer gefallen ist. Aus Theologensicht ist der Konter eine Antwort auf einen Angriff, der durchaus christliche Implikationen besitzt. Sein Erfolg setze, so der Pfarrer, etwa das gespannte Warten auf die sich bietende Chance voraus und die dann schnell folgende und angemessene Antwort: „Ein schwebender Schmetterling, der zusticht wie eine Biene“, meinte Eckert, der vom Schmetterling eine direkte Linie zu Jesus Christus und seine Antworten auf mächtige Angreifer zog.

          Am Samstagabend können die Jugendlichen auf dem Karolinenplatz bei der Live-Übertragung überprüfen, ob die Schmetterlings-Taktik auch von der deutschen Nationalmannschaft beherrscht wird. Davor haben sie noch ausreichend Gelegenheit, sich selbst sportlich zu betätigen, etwa während der Aquaparty, an Kletterwänden oder im Tauchtruck. Insgesamt umfasst das Programm nahezu 300 Angebote, vom Taizé-Lichtergottesdienst über Konzerte, Lesereisen, Filmvorführungen bis hin zu Treffen im Zelt der Zärtlichkeit, wo es heißt „Let’s talk about Sex“.

          Dass der Jugendkirchentag als Einladung zum Glauben konzipiert ist, zeigen die vielen Veranstaltungen und Projekte, die um Schöpfung und Ökologie kreisen. So gibt es eine Kleidertauschbörse, bei der für den Erhalt der Umwelt Altes „geswoppt“ und Neues „geshoppt“ werden kann. Ein Gottesdienst fragt nach „korrekten Klamotten“, die helfen, die Erde nicht weiter zu belasten. In der interaktiven Ausstellung „Eco-City“ wird auf die Folgen des westlichen Lebenswandels aufmerksam gemacht, im „Grunzmobil“ auf die Konsequenzen übermäßigen Fleischkonsums, und eine winzige Hütte auf dem Karolinenplatz demonstriert anschaulich, wie Menschen in Guatemala leben – auf vier Quadratmetern mit zwei alten Matratzen, ein paar Töpfen und ohne Fernseher.

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