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Jugendherbergen in der Krise : Ruhe, die sich niemand wünscht

Das ist sonst anders: In der Herberge bleiben die Betten leer. Bild: Samira Schulz

Tina Hoppe leitet die Jugendherberge in Wiesbaden, mit Mann und drei Kindern. Sie liebt den Trubel, jetzt bangt sie, wie es weitergehen kann.

          5 Min.

          Tina Hoppe schließt die Tür zur Küche auf. Durch die großen Fenster fällt das Licht auf blankgeputzte Stahlflächen. Plastikkanister, mit Oliven- und Sonnenblumenöl gefüllt, stehen neben den Kochfeldern, die Schöpfkellen und Siebe hängen mustergültig aufgereiht da. Auf der Fensterbank, in gelben Schraubdosen, lagern die Gewürze, Cayennepfeffer, Wacholderbeeren, Zimt. Nur ein Koch ist hier nicht, auch keine Küchenhilfe, kein Spüler. Kein Abendessen ist vorzubereiten, kein Kuchen zu backen, niemand braucht Tee, niemand Kaffee. „Normalerweise wäre hier richtig viel zu tun“, sagt Hoppe.

          Alexander Jürgs

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Normal aber ist in der Jugendherberge in Wiesbaden, die Hoppe mit ihrem Mann Sebastian führt, seit März schon nichts mehr. Überall im Land hat die Corona-Pandemie die Häuser in eine tiefe Krise gestürzt. Die Übernachtungszahlen sind eingebrochen, nicht wenige Unterkünfte kämpfen ums Überleben. Dabei sind nicht alle Betriebe gleich betroffen. Während einige Jugendherbergen auf dem Land in den Sommerferien ausgebucht waren und davon profitierten, dass viele in diesem Jahr ihren Urlaub innerhalb Deutschlands verbracht haben und Erholung in diesen hiesigen Ferienregionen suchten, haben es die Häuser in den Städten schwer.

          Worunter Tina Hoppe in Wiesbaden am meisten leidet, ist jedoch, dass der Seminarbetrieb eingebrochen ist. Workshops mit Auszubildenden, Seminare für junge Menschen, die ein Freiwilliges Soziales Jahr absolvieren, Veranstaltungen, deren Teilnehmer sich nicht nur in einer Jugendherberge treffen, sondern auch dort übernachten, waren bis vor kurzem noch die Haupteinnahmequelle des Hauses. Doch im Zuge der Pandemie wurden solche Zusammenkünfte durch Online-Angebote ersetzt. Und auch die Klassenfahrten fehlen der 32 Jahre alten Herbergsmutter; in Hessen sind sie bis mindestens Ende Januar 2021 nicht erlaubt. Wie es danach weitergeht, hängt von der Entwicklung des Infektionsgeschehens ab, die Unsicherheit bleibt groß. „Wir sind noch lange nicht aus dem Gröbsten heraus“, sagt Tina.

          Schließungen weiterer Häuser möglich

          Ende August musste das hessische Jugendherbergswerk, zu dem auch die Wiesbadener Unterkunft gehört, eine Hiobsbotschaft vermelden: Gleich drei Häuser müssen wegen der schlechten wirtschaftlichen Lage zum Ende dieses Jahres dauerhaft schließen. Getroffen hat es die Herbergen in Gießen, Weilburg und im südhessischen Zwingenberg, schon jetzt werden dort keine Übernachtungsgäste mehr empfangen. Die drei in die Jahre gekommenen Häuser haben schon länger darunter gelitten, dass immer weniger Urlauber gekommen sind. Und eigentlich hätten sie auch saniert werden müssen, doch dafür fehlte das notwendige Geld. Nun hat die Coronavirus-Krise den Betrieben den Todesstoß verpasst. Die Sorge, dass ihnen weitere Häuser in den Abgrund folgen könnten, ist alles andere als vom Tisch. Denn eine Wende ist nicht in Sicht.

          Die Wiesbadener Jugendherberge, ein Komplex aus zwei Häusern mit viel Grün rundherum, das eine in den sechziger Jahren erbaut, das zweite in den Siebzigern und unverkennbar vom Brutalismus geprägt, hat 236 Betten in 61 Zimmern. In einer Nacht in diesen Wochen waren zehn davon belegt. An anderen Tagen waren 20 Gäste im Haus. Einmal kamen auch nur zwei. Dafür das Haus zu öffnen kann sich gar nicht rechnen.

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