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Jugendhaus Gallus wiedereröffnet : Rapper gegen Salafisten

  • -Aktualisiert am

Tür wieder offen: Das Jugendhaus Gallus nimmt mit neuem Konzept seine Arbeit auf. Anfang Mai hatten in der Einrichtung religiöse Extremisten eine Mitarbeiterin bedroht. Bild: Eilmes, Wolfgang

Die Arbeiterwohlfahrt zieht Konsequenzen aus dem Vorfall im Jugendhaus Gallus. Ihr neues Konzept sieht weniger offene Angebote vor und eine Kooperation mit Moschee-Gemeinden. Die Vorschläge der SPD reichen noch weiter.

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          Die Erleichterung war Jürgen Richter anzumerken. Mit der Wiedereröffnung des Jugendhauses Gallus gehen sechs Wochen zu Ende, in denen der Geschäftsführer der Arbeiterwohlfahrt viel Kritik ertragen musste. Nachdem eine Gruppe junger, radikal islamistischer Männer eine Mitarbeiterin bedroht hatten, schloss die Awo das Haus. Daraufhin warfen ihr Engagierte aus dem Gallus vor, nicht ausreichend über die Probleme mit den Salafisten berichtet und keine Hilfe gesucht zu haben.

          Noch einmal verteidigte Awo-Geschäftsführer Richter deshalb die Schließung des Hauses vor sechs Wochen. Es sei um die Sicherheit der Mitarbeiter gegangen, er würde heute wieder so handeln. Damit solche bedrohlichen Situationen aber gar nicht mehr entstehen, soll das Haus von nun an etwas weniger offen sein als zuvor. Eine neue Klingelanlage soll verhindern, dass jeder das Haus betreten kann, die Zeiten, in denen offene Jugendarbeit angeboten wird, werden kürzer. Dafür soll es mehr Gruppenangebote geben, und immer samstags sollen interreligiöse Begegnungen stattfinden. Unterstützt wird die Awo dabei von der Türkisch-islamischen Union (Ditib). Die Jugendlichen sollen dann etwa mehr über den Islam und seine Ausprägungen erfahren. „Das heißt nicht, dass wir eine Koranschule werden“, sagt Richter. Es solle aber deutlich werden, dass auch islamische Jugendliche ernst genommen würden.

          SPD: „Die Gefahr verschlafen“

          Zur Sprache wird dann auch das Thema Salafismus kommen. Diese radikale Richtung im Islam bezeichnete Richter als menschenverachtende Ideologie. Er halte es aber für sinnvoll, nicht nur mit Repression, sondern auch mit Prävention dagegen vorzugehen. Nur so seien die gefährdeten Jugendlichen zu erreichen, bevor Salafisten sie für ihre Sache gewinnen könnten. Bisher habe die Gesellschaft dieses Problem wohl nicht ernst genug genommen.

          Die SPD ist deutlicher geworden. Man habe in Frankfurt die Gefahr verschlafen, dass von Radikalreligiösen eine Gefahr für junge Menschen ausgehe, sagten der Frankfurter SPD-Chef Mike Josef und der Landtagsabgeordnete Turgut Yüksel bei der Vorstellung eines SPD-Präventionskonzepts.

          Frühwarnsystem vorgeschlagen

          Jugendliche schließen sich Josef zufolge den Salafisten oder anderen radikalen religiösen Strömungen oft deshalb an, weil sie Anschluss und eine Perspektive für ihr Leben suchten. „Wer zugehört zur Gesellschaft, kauft kein Ticket nach Syrien“, sagte der SPD-Vorsitzende. Man müsse deshalb intervenieren, bevor junge Menschen sich radikalisiert hätten. Es handele sich dabei um ein politisches und nicht um ein theologisch-religiöses Problem. Man dürfe den Salafismus unter Jugendlichen nicht dramatisieren, aber auch nicht tabuisieren, so Josef.

          Im Einzelnen schlugen er und Yüksel die Einrichtung eines Frühwarnsystems etwa in Form einer Hotline, vor. Wenn die von der Stadt beschlossene Antidiskriminierungsstelle besetzt sei, könne das Notruftelefon dort angesiedelt werden. Ferner setzt die SPD auf „Identifikationsfiguren“, die an den Schulen auf gefährdete junge Leute Einfluss nehmen könnten. Yüksel und Josef denken dabei an Rapper oder andere populäre Figuren, die unter Jugendlichen Ansehen genössen. Die vom Magistrat vorgeschlagenen Fortbildungsveranstaltungen etwa für Sozialarbeiter hält Josef für sinnvoll, stellt aber die Frage, ob es genüge, wenn diese Angebote nur freiwillig seien.

          „Hausverbot - Polizei rufen - Anzeige erstatten“

          Wie der Rat der Religionen und die Awo schlug auch Yüksel vor, die Moschee-Gemeinden stärker in den Kampf gegen religiösen Extremismus einzubeziehen. Für den Rat besteht eine Gefahr darin, dass die extremistische Ausprägung der Religion etwa unter Salafisten mit dem Islam gleichgesetzt wird. Man müsse im Übrigen unterscheiden zwischen konservativen und extremistischen Formen von Religion.

          Sozialdezernentin Daniela Birkenfeld (CDU) zeigte sich erfreut über die Wiedereröffnung des Jugendhauses. Es zeige sich, dass Frankfurt der Bedrohung durch radikale Islamisten gewachsen sei. „Wenn alle zusammenarbeiten, wird so etwas nicht noch einmal vorkommen“, sagte sie. Im Juli soll es mehrere Fortbildungen für die Mitarbeiter von Jugendhäusern geben. Letztlich helfe gegen die Islamisten aber nur striktes Durchgreifen: „Hausverbot - Polizei anrufen - Anzeige erstatten“.

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