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Jugendchor : Anspruchsvolles Singen in fremder Sprache

Voller Einsatz: Frieder Bernius probt mit dem Jugendchor Hochtaunus. Bild: Wolfgang Eilmes

Freundliche Aussprachehilfe und ein entlarvender Ton auf dem Klavier: Frieder Bernius arbeitet mit dem Jugendchor Hochtaunus und schafft eindrucksvolle Melodien.

          Schlimm genug, wenn im Winter der mörderische Tod ins Haus kommt und der Schwester und dem Vater auf der Fidel spielt. Noch schlimmer, wenn er es in Rilkes Versen auf Französisch tut und man davon mehrstimmig künden soll. In der Vertonung eines modernen Komponisten wie Paul Hindemith, bei dem es gerne einmal dissonant klingen darf. Für die erste Herausforderung nimmt Frieder Bernius die Hilfe einer Französin und ihres Bruders in Anspruch, die zu den 60 Sängerinnen und Sängern zwischen 14 und 25 Jahren gehören. „Sagen Sie es doch noch einmal laut vor“, bittet er. „Und hören Sie aufeinander, wo es Verbesserungsbedarf gibt.“

          Bernhard Biener

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Hochtaunuskreis.

          Seit 50 Jahren leitet Bernius den von ihm gegründeten Stuttgarter Kammerchor und hat mehr als 100 CDs veröffentlicht. Er zählt zu den herausragenden Chordirigenten Deutschlands und ist dem hiesigen Publikum auch durch die regelmäßigen Gastspiele beim Rheingau Musik Festival bekannt – er leitete einst schon das Eröffnungskonzert des allerersten Festivals vor 31 Jahren. Am Montag ist er in die Jugendherberge im Schmittener Ortsteil Oberreifenberg gekommen, um mit dem Jugendchor Hochtaunus zu arbeiten. Das Auswahlensemble aus dem ganzen Landkreis, überwiegend Schüler, bereitet sich am Ende des Schuljahrs auf die Konzerte vor.

          Normalerweise leitet Tristan Meister den Jugendchor. „Die Schüler sind es nicht gewohnt, sechs bis sieben Stunden am Tag zu singen“, beschreibt er eine Herausforderung. Deswegen wird er von professionellen Ensemble-Sängern unterstützt, die mit jedem Teilnehmer zwei mal 20 Minuten Einzelstimmbildung absolvieren. Meister war Schüler von Bernius und hat den Kontakt genutzt, um die jungen Leute mit dem Altmeister zusammenzubringen. Dieser vergeudet keine Zeit und geht ebenso locker wie konzentriert zur Sache. Wie sehr sich die die fremde Sprache, in der Rilke geschrieben hat, auf den Gesang auswirkt, zeigt Bernius mit zwei Tastenanschlägen auf dem Klavier. Der erste gibt den Ausgangston vor. Als der Chor die Phrase zu Ende gesungen hat, schlägt der Dirigent den Zielton an – die Sänger liegen knapp daneben. Aber Bernius will sie nicht vorführen, sondern zeigt sogleich, wie man mit mehr Druck in der Stimme den Ton oben hält.

          Riesige Besetzung mit viel Blech

          Die Mischung aus ambitionierten Amateuren, die sich zum Beispiel in Schulensembles hervorgetan haben, und professioneller Unterstützung ist auch das Prinzip des seit 2010 bestehenden Jugend-Sinfonie-Orchesters, das ebenfalls in Oberreifenberg probt. Mit 87 Musikern verfügt Dirigent Lars Keitel diesmal über eine „riesige Besetzung mit viel Blech und ganz viel Schlagwerk“. Was sich im Programm „We got rhythm“ widerspiegelt. Dazu zählen das große Konzert für Vibraphon, Marimbaphon und Orchester von Emmanuel Séjourné oder Maurice Ravels Bolero.

          „Das wird ganz toll“, verspricht Keitel kurz vor Abschluss der Probenwoche. An diesem Donnerstag treten Chor und Orchester um 19 Uhr im Haus der Begegnung in Königstein auf. Der Jugendchor ist schon am Mittwoch in der Pfarrkirche St. Martin in Bad Homburg-Ober-Erlenbach zu Gast. Das Jugend-Sinfonie-Orchester spielt am Samstag im Schlossgarten Usingen und am Sonntag bei der Klassiknacht in Weiß im Bad Homburger Kurpark.

          Der Rahmen aus Probenwoche und Konzerten, der ursprünglich das Engagement der Schüler nicht überstrapazieren sollte, hat sich inzwischen geweitet. „Chor und Orchester sind Institutionen, die darüber hinaus immer wieder angefragt werden“, sagt Landrat Ulrich Krebs (CDU). Als Beispiel nennt er das Bad Homburger Literaturfestival. Ohne die Unterstützung durch Rotary- und Lions-Clubs oder die regionalen Geldinstitute sei das nicht zu meistern. Dazu reichten die Mittel der kreiseigenen Johann-Isaak-von-Gerning-Stiftung nicht aus, der Trägerin von Jugendchor und Jugend-Sinfonie-Orchester.

          An der Chorakademie beteiligt sich außerdem der Sängerkreis als Vertretung aller Gesangvereine. So viel Engagement beeindruckt auch Frieder Bernius. „Es gibt nicht viele Landkreise, die sich so für die Hochkultur einsetzen“, sagt er. Mit Jugendchören arbeitete er allerdings häufiger zusammen. „Wir müssen diese Saat aus Gemeinsamkeit und Qualität säen – künstlerisch und für die Gesellschaft.“

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