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Jugendarrest in Hessen : Nicht mehr als „Futter für ihr Hirn“

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Eher die Hartgesottenen: Die Mehrheit, etwa 40 Prozent, der Jugendlichen in Gelnhausen sind wegen Gewaltdelikten eingewiesen. Bild: dapd

Rund 1000 Jugendliche verbüßen jedes Jahr in Hessen einen Arrest. Für die Arbeit der Anstalt in Gelnhausen fehlt bisher die gesetzliche Grundlage. Experten haben jetzt zwei Entwürfe geprüft und warnen vor zu hohen Erwartungen.

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          Die Arreststrafe für Jugendliche gilt oft als letzter Schuss vor den Bug. Bei einer Anhörung im hessischen Landtag waren sich am Mittwoch Wissenschaftler mit Praktikern aus der Justiz einig, dass der Arrest ein sinnvolles Instrument sein kann. Mehr als „Futter für ihr Hirn“ könne er bei Straffälligen aber nicht sein, sagte der Mainzer Rechtswissenschaftler Christoph Schallert und warnte vor zu hohen Erwartungen.

          In den vier Wochen - so lange darf der Arrest maximal dauern - könnten die Betroffenen nur begrenzt pädagogisch beeinflusst werden, glaubt Schallert. Zuwendung verlangt der Kölner Pädagoge Prof. Philipp Walkenhorst. Viele der Arrestanten hätten dies in ihrem ganzen Leben noch nicht erfahren.

          Beide Entwürfe tragfähig

          Hessens einzige Arrest-Einrichtung für Jugendliche befindet sich in Gelnhausen. Jährlich werden zwar von den Gerichten rund 1000 Heranwachsende zu einem Arrest verurteilt. Für deren Arbeit gibt es aber bisher keine gesetzliche Grundlage. Nun liegen zwei Entwürfe von Schwarz-Grün sowie der SPD-Opposition vor.

          Im Kern setzen beide Initiativen auf den erzieherischen Aspekt des Arrests, wie er in Gelnhausen schon gehandhabt wird. Die Experten halten deshalb beide Entwürfe für tragfähig - und empfehlen in den Details sogar eine Kombination. Bei Schwarz-Grün gefiel den Praktikern, dass in Gelnhausen Grundwerte der Verfassung vermittelt werden sollen. In Zeiten des Islamismus sei dies besonders wichtig, sagte der Präsident des Oberlandesgerichts Frankfurt, Roman Poseck.

          Rückfallquote bei über 60 Prozent

          Schwarz-Grün will die Jugendlichen im Arrest - anders als die SPD - auch zur Mitwirkung verpflichten, was Experten eher kritisch sehen. Zwang sei absolut kontraproduktiv, sagte Schallert, der als Sozialtrainer auch mit straffälligen Jugendlichen viel zu tun hat.

          Etwa 40 Prozent der Arrestanten sitzen in Gelnhausen wegen Gewaltdelikten. Es sind inzwischen oft eher die Hartgesottenen, die Arrest erhalten. Die Rückfallquote liegt bei über 60 Prozent. Umso wichtiger ist neben dem Engagement des Personals in der Anstalt die Nachversorgung. Darüber waren sich die Experten ebenfalls einig.

          Auch die ehrenamtliche Betreuung könnte eine wichtige Rolle übernehmen. Als Vorbild sieht Pädagoge Walkenhorst eine seit Jahren laufende Kooperation im nordrhein-westfälischen Iserlohn. Dort arbeiten Studenten mit den Arrestanten zusammen. „Werde zum Gentleman“ heißt dort ein Projekt, das zum Beispiel vermitteln will, wie die Jung-„Knackis“ an die Freundin einen Brief schreiben können.

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