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Jüdisches Museum in Frankfurt : „Wir sind kein Vergnügungsort“

Mehr Raum: Das Jüdische Museum soll eigentlich bis zum Herbst um einen Neubau erweitert werden. Bild: dpa

Mirjam Wenzel, die Leiterin des Jüdischen Museums in Frankfurt, spricht über Katastrophen und Verschwörungstheorien. Sie sagt: In der Krise spielen gerade Museen eine wichtige Rolle.

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          Frau Wenzel, Museen und kulturelle Einrichtungen sind seit Wochen geschlossen. Was ist die größte Herausforderung für Sie als Leiterin des geschlossenen Jüdischen Museums?

          Theresa Weiß

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die erste Herausforderung war eine interne, den gesamten Arbeitsprozess auf Homeoffice und digitales Zusammenarbeiten umzustellen. Die nächste ist, mit unseren Besucherinnen und Besuchern in Kontakt zu bleiben. Museen sind soziale Orte, wir als Jüdisches Museum im Besonderen. Es geht uns um Austausch. Wie organisiert man diesen in Zeiten, in denen man sich nicht begegnen kann? Wir beobachten, dass es ein Bedürfnis gibt, mehr zu kommunizieren. Auf die digitalen Beiträge, die wir im Moment publizieren, kommen viele Reaktionen.

          Das sind Angebote wie der Videocast „Tachles“. Warum haben Sie den ins Leben gerufen?

          Es ist uns ein Anliegen, als kulturhistorische Einrichtung auf die Krise zu reagieren. Wir haben uns intensiv damit beschäftigt, welche Auswirkungen Krisen auf die jüdische Kultur hatten. Dazu haben wir eine Beitragsreihe auf Facebook und unserem Blog entwickelt. Außerdem gibt es hier einen Aufruf an Kinder und Eltern, sich an einem Schattentheaterwettbewerb zu beteiligen und Handyvideos von dem Ergebnis einzureichen. Das Neuste ist nun der Tachles-Videocast, in dem ich mit je einem Gesprächspartner oder einer Gesprächspartnerin über die aktuelle Krise, aber auch Krisen im Allgemeinen spreche. Ich betrachte es als unsere Aufgabe, die Veränderungen unserer Gesellschaft zu beobachten und nach ihrer kulturhistorischen Bedeutung zu fragen. Ich denke, dass derzeit etwas Fundamentales passiert.

          Wie passt das zum Museum?

          Als Museum sind wir nicht für uns selbst da, sondern bieten ein dialogischen Ort an. Genau dem können wir im Moment in physischer Hinsicht nicht nachkommen. Daher konzentrieren wir uns auf den digitalen Raum und haben uns zum Beispiel mit unserer wertvollsten Pessach Haggada in digitalisierter Form an einer internationalen Online-Plattform beteiligt. Die Haggada ist ein Text, der am ersten Abend des Pessachfests von der Familie gelesen wird. Die Plattform ermöglicht es, den illustrierten Text nicht nur anzusehen, sondern in einem virtuellen Leseraum auch zu nutzen. Dieses Angebot haben Jüdinnen und Juden in der ganzen Welt am ersten Abend von Pessach wahrgenommen und unsere und andere Haggadot zu Hause für ihre Zeremonie verwendet. So betätigen wir uns im digitalen Raum auch weiterhin als ein sozialer Ort.

          Es gibt also auch Chancen?

          Ich sehe die gegenwärtige Zeit auch als eine Phase mit Potential, so wie jede Krise. Es verändert sich etwas, aber die Veränderung kann gestaltet werden. Durch Reflexion und Debatten – daran beteiligen wir uns mit dem Tachles-Videocast. Ich finde es wichtig, dass wir über die Krise, die aktuellen Maßnahmen und ihre Auswirkungen diskutieren, etwa auf Familien oder die Kultur.

          Warum sind Museen denn auch in einer Krise wichtig?

          Museen sind Gedächtniseinrichtungen. Die Bilder, Zeugnisse und Kulturgüter, die sie bewahren, erzählen etwas über die Geschichte und Kultur der Menschheit, die voller einschneidender Ereignisse ist. Museen zeigen nicht nur die Dokumente von Krisen und Katastrophen, sondern auch, wie sie bewältigt wurden oder wozu sie geführt haben. Nehmen wir zum Beispiel die Pest: Sie führte zu einem Massensterben, zu antisemitischen Pogromen und zu dem Ende einer Epoche. All dieses Wissen über die Dimensionen dieser Katastrophe bewahren heute Museen, Archive und Bibliotheken. In Zeiten wie diesen ist es wichtig, sich mit diesem Gedächtnis auseinanderzusetzen.

          Aber die Museen dürfen in naher Zukunft wohl nicht öffnen. Was meinen Sie dazu?

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