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Jüdische Unternehmer in Frankfurt : Boykottiert, drangsaliert, zum Verkauf gezwungen

Frankfurter Innenstadt: Wo einst das jüdische Warenhaus Wronker an der Zeil stand, steht heute Karstadt. Bild: Eilmes, Wolfgang

Im November 1938 brannten in Frankfurt nicht nur die Synagogen. Heute vor 75 Jahren begann auch das letzte Kapitel in der noch in den zwanziger Jahren so bedeutenden unternehmerischen Tätigkeit von Juden in dieser Stadt.

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          Viele Namen sind vergessen. Das Schuhgeschäft Speier kennt niemand mehr, das Warenhaus Wronker, die Feinkostkette Witwe Hassan. Andere Firmen haben noch heute einen Klang, der aber mehr und mehr verweht, die Einzelhandelskette Schade & Füllgrabe etwa oder die H. Fuld & Co. Telefonbau und Telegrafenwerke AG. Bekannter dürfte dieses Unternehmen unter einer anderen Bezeichnung sein: Telefonbau und Normalzeit. Auf vielen öffentlichen Uhren war das noch lange zu lesen. Aber zwei Namen für ein und denselben Betrieb? Das wird zu erklären sein.

          Manfred Köhler
          Ressortleiter der Rhein-Main-Redaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

          Am 9. und 10.November 1938 brannten im ganzen Reich die Synagogen; an jenem 10.November stand in Frankfurt das Gotteshaus am Börneplatz in Flammen, auch die Synagoge an der Friedberger Anlage brannte völlig aus. Doch der antijüdische Terror reichte in Frankfurt genauso wie anderswo weit über Brandstiftung hinaus. NSDAP-Mitglieder, SA und SS verwüsteten auch Geschäfte, die im Eigentum von Juden waren, drangen in die Wohnquartiere der Handwerker und der kleineren Händler ein. Seit Jahren schon waren Juden als Unternehmer in Frankfurt drangsaliert worden. Die Pogrome im November 1938 aber markieren den Anfang vom Ende unternehmerischer Tätigkeit dieser Bevölkerungsgruppe.

          1700 Unternehmer als „nichtarisch“ identifiziert

          Dabei lässt sich die Bedeutung der Juden im Frankfurter Wirtschaftsleben gar nicht hoch genug einschätzen. Ungefähr jedes dritte Unternehmen in der Stadt gehörte ihnen zu Beginn der dreißiger Jahre, Juden spielten nicht nur im Bankwesen eine bedeutsame Rolle, sondern auch im Groß- und Einzelhandel. „Die Zeil als zentrale Einkaufsachse der Stadt war geprägt von jüdischen Einzelhandelsgeschäften und Kaufhäusern“, schreibt Benno Nietzel in seiner Studie „Handeln und Überleben – Jüdische Unternehmer aus Frankfurt am Main 1924 – 1964“, die bei Vandenhoeck & Ruprecht erschienen ist. Mit dieser überarbeiteten Fassung seiner Dissertation, mit der Nietzel in Bochum promoviert wurde, liegt erstmals eine breite und fundierte Übersicht über die Verdrängung der Juden aus dem Frankfurter Wirtschaftsleben und die Vernichtung ihrer Existenz vor, auch eine Aufarbeitung der Versuche der Wiedergutmachung nach 1945.

          Unternehmen jüdischer Eigentümer fanden sich zu Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft überall in der Stadt. So betrieb das 1878 gegründete Unternehmen Schade & Füllgrabe 1932 nicht weniger als 144 Lebensmittel- und Feinkostgeschäfte in Hessen, davon 46 in Frankfurt. Das Warenhaus Wronker prägte mit einem 1906 eröffneten, prachtvollen Haus die Zeil. Doch hatten sich jüdische Unternehmer auch in der Industrie engagiert. In der Metallgesellschaft waren es Wilhelm Merton und seine Söhne Alfred und Richard, bei der Cassella Arthur und Carl Weinberg. 1935 identifizierte das städtische Wirtschaftsamt von den 5000 Unternehmen im Frankfurter Handelsregister 1700 als „nichtarisch“.

          Jüdische Unternehmer zum Verkauf getrieben

          Da hatte die Verfolgung der Juden schon längst eingesetzt. Nietzel zeichnet in seiner fast 400 Seiten zählenden Untersuchung die Verfolgung, Entrechtung und Vernichtung der jüdischen Unternehmer nach, die früh begann. Schon für den 1.April 1933 wurde wie anderswo im Reich auch zu einem Boykott von Geschäften jüdischer Eigentümer aufgerufen, im Juni des gleichen Jahres den Bediensteten der Stadtverwaltung verboten, jüdische Ärzte aufzusuchen. Im Weihnachtsgeschäft 1934 versuchten Personen in Zivil, Kunden vom Betreten solcher Geschäfte entlang der Zeil abzuhalten, die im Eigentum von Juden waren, was aber noch zu tumultuarischen Szenen führte, weil sich die Kunden nicht vom Einkaufen dort abhalten lassen wollten.

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