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Judo-Club in Wiesbaden : Rückzug als Signal zum Aufbruch

Höflich abgedankt: Die Wiesbadener Judo-Riege verabschiedet sich aus der Zweiten Bundesliga. Bild: Wonge Bergmann

Lieber ein hauptamtlicher Jugendtrainer als eine halbherzige Liga-Mannschaft. Der JC Wiesbaden macht reinen Tisch, um sich neu aufzustellen.

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          Der Dojo des Judo-Clubs Wiesbaden 1922 (JCW) ist nicht leicht zu finden, aber gut frequentiert. Von halb vier am Nachmittag bis abends neun, halb zehn ist immer was los auf den Matten im Souterrain der Sporthalle am zweiten Ring. Den Eingang hinten links wählen, drei Treppen runterlaufen, nicht irritieren lassen vom abgewetzten Ambiente, rechts durch die Tür, schon ist man drin in der „guten Stube“. Der „Otto-Schmelzeisen-Dojo“, benannt nach dem Pionier, Lehrmeister und Gründer eines der drei ältesten Judo-Vereine Deutschlands, liegt im Keller. Hier unten wechseln sich die Gruppen munter ab: Training für Kinder bis 6 Jahre, bis 8, bis 10. Anfänger und Fortgeschrittene. Jugendliche und Erwachsene. Sogar ein Kurs für Behinderte ist im Angebot, immer dienstags, 18.30 Uhr. Die Einzigen, die künftig keine Zeit mehr beanspruchen, sind die Bundesliga-Kämpfer, die lange Jahre das Aushängeschild waren: Die Riege wurde abgemeldet. „In intensiven Diskussionen“, wie der Vereinsvorsitzende Philipp Eckelmann mitteilte, hätten sich die Verantwortlichen dazu entschieden, in der kommenden Saison „nicht mehr in der Zweiten Bundesliga anzutreten“.

          Es ist eine Zäsur, schließlich gehörte der JCW seit 1969 der Bundesliga an, seit 2013 freilich nur noch in der zweiten Kategorie. „Was auf den ersten Blick wie ein Rückzug aus dem Leistungssport aussieht, bedeutet bei näherer Betrachtung das Gegenteil“, kündigt Eckelmann forsch an. Man wolle in Zukunft das vorhandene Geld in den Nachwuchs investieren, um eines Tages mit neuer Kraft zurückzukommen, so der 37-Jährige, der selbst als Vereinspräsident noch für den JCW auf die Matte ging. „Mein Wunsch wäre es gewesen, das Ganze zu belassen“, sagt dagegen Patric Nebhuth, langjähriger Trainer der Liga-Riege.

          Der Liga-Alltag mit seinen tristen Seiten

          Er sah die Kampftage als Plattform an, auf der sich die einzelnen Athleten und damit der ganze Verein zeigen konnten. „Wenn wir uns beides hätten leisten können, hätten wir beides gemacht“, sagt dagegen Eckelmann. Peter Frese, Präsident des Deutschen Judo-Bundes (DJB), findet es „sehr schade“, dass „gerade der JCW“ den Rückschritt wählt. Doch er wisse natürlich um die Probleme einer Sportart, deren Mannschaften aus Einzelkämpfern bestehen: „Die Spitzenathleten wollen sich für Olympia qualifizieren. Sie sind an 15 Terminen geblockt durch große Turniere.“ Dennoch sei die Bundesliga wichtig, „weil sie regional Werbung für Judo macht“, so Frese.

          Dem JCW war dies punktuell immer mal wieder gelungen. Vor allem die spektakulären Freiluftkämpfe im Kurpark lockten Publikum. Doch der Liga-Alltag war häufig von trister Turnhallenatmosphäre geprägt, bei dem die Einnahmen nicht mal die Antrittsgelder der oft ausländischen Spitzenkämpfer einspielten. Eckelmann benennt freilich Defizite in der Struktur der Liga: „De facto ist die Bundesliga mit nur drei oder vier Heimveranstaltungen für einen Sponsor überhaupt nicht verkaufbar“, sagt der Geschäftsmann, der zudem kritisiert, dass der Judo-Bund die Übertragungsrechte an einen Dienstleister verkauft hat, „Da liegen sie jetzt, und wir können unsere Kämpfe nicht mal im Internet zeigen.“

          Rückzug aus Zweiten Bundesliga spart 15.000 Euro

          Wiesbadens bester Kämpfer hat den Zwiespalt schon am eigenen Leib erfahren müssen. Alexander Wieczerzak, der in der 81-Kilo-Klasse berechtigte Ambitionen auf die Olympiateilnahme in Rio hegt, kämpfte selbst nach dem Abstieg des JCW noch ein Jahr lang in der Zweiten Bundesliga für die Hessen, weil er die Gemeinschaft und den Zusammenhalt schätzte. Erst als der Wiederaufstieg nicht gelang, schloss er sich dem TSV Großhadern an, mit dem er prompt deutscher Meister wurde – und dennoch nicht glücklich. Weil er wegen seiner Solokarriere zu viele Kampftage verpasste, handelte er sich Ärger mit dem lokalen Sponsor ein. Wieczerzak wechselte wieder und wird 2016 für den Hamburger JT kämpfen. Den Rückzug seines Stammvereins, der in der kommenden Saison nur in der Regionalliga antreten wird, in der bislang die zweite Riege aktiv war, bewertete er als „traurig“, erkannte aber die Strategie dahinter: „Vielleicht muss man ganz unten anfangen, um etwas richtig aufzubauen.“

          Durch den Rückzug aus der Zweiten Bundesliga spart der JCW etwa 15.000 Euro, so Eckelmann. Das Geld soll genutzt werden, um einen hauptamtlichen Jugendtrainer zu installieren – zumindest mit einer halben Stelle. Die Grundlagen in dem 800 Mitglieder starken Verein sind durchaus gegeben: Bei den U-18-Hessen-Meisterschaften war der JCW der erfolgreichste Verein mit acht Titeln und insgesamt zwölf Medaillen. Eckelmann erträumt sich daraus glänzende Aussichten: „Vielleicht haben wir in drei Jahren eine Mannschaft, in der nur Wiesbadener kämpfen.“

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