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Judith Herzberg : Kummer kann man nicht vergleichen

Sie überlebte den Holocaust und lernte, sich durchzusetzen: Judith Herzberg. Bild: Sick, Cornelia

Die Dichterin Judith Herzberg ist in Wiesbaden ein bekannter Gast. Nun ist erstmals eines ihrer Stücke bei den Maifestspielen zu sehen: „Über Leben“

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          Wiesbaden ist Judith Herzberg schon lange nicht mehr fremd. Seit 2004 reist sie alle zwei Jahre im Juni dorthin, als Patin für ein Stück aus ihrer Heimat, den Niederlanden. Besucher der Theaterbiennale „Neue Stücke aus Europa“, die in diesem Jahr zum fünften Mal in Wiesbaden stattfindet, kennen die schlanke, hochgewachsene Frau mit dem eisgrauen Schopf. Herzberg, 1934 in Amsterdam geboren, eine der bekanntesten Autorinnen der Niederlande, Lyrikerin, Dramatikerin, Übersetzerin, sitzt mit wachem, forschenden Blick in den Inszenierungen aus Deutschland und Frankreich, der Türkei und Belgien, bei Lesungen und Diskussionen im Festivalzelt.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Wachheit, das ist überhaupt ein Begriff, der einem unwillkürlich einfällt, hat man mit Judith Herzberg zu tun. Wenn sie selbst aus ihren Gedichten liest, was bisweilen während der Biennale der Fall war und jetzt während der Internationalen Maifestspiele am Staatstheater Wiesbaden, tut sie das ruhig und in heiterem Ernst, beinahe beiläufig - so, wie die Gedichte sich selbst geben: klar und lakonisch, schnörkellos, von schlichter Eleganz; nur scheinbar geht es darin um winzige Alltäglichkeiten, hinter denen sich große Zusammenhänge auftun - und große Gräben.

          Gleich zweimal bereist Herzberg dieses Jahr Wiesbaden

          So ähnlich ist es auch mit den Stücken von Herzberg. Denn natürlich ist sie dann doch nicht vorrangig als Lyrikerin, sondern wie ihre Patenkollegen aus ganz Europa wegen ihrer Kompetenz als Theaterautorin als Mentorin für das Festival tätig. Wieder wird Herzberg nach Wiesbaden reisen - auch wenn aus ihrem Land kein neues Stück im Programm des Theaterfestivals zu sehen sein wird. Diesmal habe sie leider nichts gefunden, sagt Herzberg, denn die Bedingungen seien streng: Es muss ein neues Werk in der Sprache des Herkunftslandes sein, keine Bearbeitung und keine Übersetzung. Auch in den Niederlanden seien Romane und Filme in Bühnenfassung zurzeit besonders beliebt. Außerdem versuche sie stets, nicht dieselben Theatermacher zweimal einzuladen, deshalb sei kein Stück aus den Niederlanden zu sehen, sagt sie.

          Dafür ist jetzt, nach all den Jahren, eines von ihr selbst in Wiesbaden zu sehen und gleich ein opus magnum. Allerdings nicht zur Biennale, sondern noch einmal heute, anlässlich der Maifestspiele am Staatstheater, weshalb Herzberg dieses Jahr gleich zweimal nach Wiesbaden kommt. Der Regisseur Stephan Kimmig hat sich für das Deutsche Theater Berlin an die große Aufgabe gemacht, aus drei der wichtigsten Stücke Herzbergs einen Abend zu machen. „Leas Hochzeit“ (1982), „Heftgarn“ (1995) und „Simon“ (2002) fügen sich zu einer riesigen Familiensaga mit 17 Personen, die sich von 1972, dem Jahr, in dem Lea Hochzeit feiert, bis 1998 erstreckt, dem Jahr, in dem Simon, ihr Vater und Familienoberhaupt, sterben könnte.

          „Ich fand es schön, dass er so verliebt war in die Figuren“

          Die ersten beiden Teile der Trilogie hatte Kimmig schon im Jahr 2000 am Staatstheater Stuttgart inszeniert. „Ich fand es schön, dass er so verliebt war in die Figuren, dass er unbedingt noch einmal daran arbeiten wollte“, sagt Herzberg. Man kann es Kimmig nicht verdenken. Denn Lea, deren Ehe - es ist ihre dritte - schon am Tag der Hochzeit scheitert; Simon, der mit Leas Freundin Dory, die noch dazu die erste Frau von Leas drittem Mann Nico ist, einen Sohn zeugt; Ada, Leas Mutter, die wie ein kleiner Geist und doch höchst lebendig agiert, dazwischen Kluiters, der Klempner - sie haben alle Traumata und Macken, Schrullen, sind fragil und zäh und verletzen einander, sind „zueinander verurteilt“, wie Herzberg sagt, und doch sind sie allesamt im Grunde sympathische Zeitgenossen. „Ich könnte nicht über jemanden schreiben, den ich nicht mag“, sagt Herzberg. „Über Leben“, so hat Kimmig selbst das Stück aus drei Stücken genannt - vermutlich hätte er kaum deutlicher zeigen können, wie gut er versteht, worum es Herzberg geht.

          Wird eines ihrer Stücke inszeniert, versucht sie dabei zu sein: „Wenn es nicht funktioniert, bin ich unzufrieden“, sagt Herzberg. „Vielleicht reisen“, wie „Simon“ ein Auftragswerk des Schauspielhauses Düsseldorf, hat sie 2004 mit den Schauspielern entwickelt, Improvisationen sind ihr bis heute wichtig, um ihre Figuren zu gestalten. „Manchmal sehe ich bis heute die ersten Schauspieler, mit denen ich gearbeitet habe, in den Rollen vor mir“, sagt sie. Auch bei „Über Leben“ im Deutschen Theater hat sie mitgewirkt: „Ich war bei den Proben da und habe mit Stephan Kimmig über die Bearbeitung viel gesprochen. Aber natürlich hat er die Hauptarbeit gemacht.“

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