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Juden in Deutschland : Ein gepackter Koffer stand stets parat

  • -Aktualisiert am

Wie konnten Juden nach der Shoa in Deutschland bleiben? Das hat ein amerikanischer Filmregisseur seine Großeltern in Frankfurt gefragt.

          3 Min.

          Zwei Schachspieler sitzen im Holzhausenpark. Auf den Unterarm des einen ist eine Nummer eintätowiert, der andere trägt - wie einst alle SS-Männer - das Zeichen seiner Blutgruppe in den Oberarm geschrieben. Diese Szene setzt der Regisseur Jordan Bahat als Sinnbild für seine Grundfrage: Warum blieben seine Großeltern nach dem Holocaust in Deutschland?

          Bahat wurde in Amerika geboren, wohin seine Mutter ausgewandert war, um nicht immer auf ihre jüdische Herkunft zurückgeworfen zu werden. Auf der Suche nach Antworten ist er zu seinen Großeltern nach Frankfurt gefahren. Aus den Interviews mit ihnen und Schicksalsgenossen ist der Film „Jealous of the Birds“ entstanden, der jetzt im Filmmuseum gezeigt wurde und wahrscheinlich bald im Fernsehen zu sehen sein wird.

          „Ich will nicht an das alles denke“

          „Im KZ war ich eifersüchtig auf die Vögel. Denn sie waren frei zu gehen“, sagt Bahats Großvater Stefan Orlean. Dessen Geschichte ist beispielhaft: Am Ende des Krieges war Orlean 18 Jahre alt. Zwar war er nun frei, doch wusste er nicht, wohin er gehen sollte und kam schließlich im Displaced-Persons-Camp in Zeilsheim an. Er fand damals, dass es den Deutschen eigentlich sehr gut gehe. Freundschaften zwischen ihnen und den Holocaust-Überlebenden hätten sich kaum ergeben, bei den meisten hat sich das ein Leben lang nie geändert.

          „Ich bin jetzt 62“, sagt Orlean im Film, „Ich will nicht an das alles denken. Und was soll ich mit den Deutschen schon reden? Ich glaube ihnen nicht.“ Als sein Enkel ihn fragt, ob die Deutschen je wieder stolz auf ihre Nation sein könnten, sagt er: „Ich glaube, sie sind jetzt stolz.“ Dann zeigt der Film Bilder der vergangenen Fußball-Weltmeisterschaft: junge, fröhliche Deutsche, in weißen Fußballtrikots, mit schwarz-rot-goldenen Fahnen. Auch Orleans Frau Rusja wollte nicht in Deutschland bleiben. Ein gepackter Koffer stand stets parat. Doch irgendetwas kam immer dazwischen, bis sie schließlich sagte: „Einen alten Baum verpflanzt man nicht mehr.“

          Auch Michel Friedman spricht

          Andere Frankfurter Juden, die Bahat porträtiert, zeichnen ein ähnliches Bild. Arno Lustiger, der die jüdische Gemeinde mitbegründet hat und vor kurzem in Frankfurt gestorben ist, überlebte zwei Todesmärsche, arbeitete dann für die amerikanische Armee. Man legte ihm damals nahe, nach Polen zurückzukehren. Er aber ging lieber nach Zeilsheim, um von dort aus die Auswanderung zu organisieren. Seiner Mutter und Schwester waren jedoch an Tuberkulose erkrankt, die Amerikaner ließen sie nicht einreisen. Dem Immigration Officer, der ihm diese Nachricht überbrachte, schleuderte Lustiger ein „Fuck you“ ins Gesicht, fand sich dann aber damit ab zu bleiben.

          Viele Frankfurter, die im Film zu Wort kommen, sind Kinder Überlebender. Michel Friedman sagt, lange hätten es Juden als politischen und moralischen Fehler empfunden, in Deutschland geblieben zu sein. Wenn vielen nach dem Krieg das Geld zur Auswanderung gefehlt habe, sei das ein verständlicher Grund gewesen, die Abreise hinauszuschieben, aber danach? Wenn er als junger Mann in Israel war, haben Friedman und seine Freunde behauptet: „Wir sind aus der Schweiz.“

          Der Ort der ständigen Konfrontation

          Anija Kempa ist in Polen geboren und in Frankfurt aufgewachsen. In den sechziger Jahren besuchte sie hier die Elisabethenschule, sie war die einzige Jüdin in der Klasse. Als der Geschichtsunterricht auf das „Dritte Reich“ zusteuerte, ließ der Lehrer abstimmen: Die Schüler entschieden, sie würden sich besser fühlen, wenn sie ohne Anija über das Thema sprechen könnten. Als ein deutscher Freund ihr die Frage stellte, wie sie als Jüdin in Deutschland leben könne, wurde sie erst wütend: „Du hättest es lieber, dass ich nicht hier wäre? Damit du dich nicht schämen musst? Weil ich dich an die Vergangenheit erinnere?“ Doch gleichzeitig fragte sie sich: Hat er nicht recht?

          Die meisten Juden, die nach der Shoa in Deutschland geblieben seien, hätten das wohl eher als Missgeschick betrachtet. Wie ihre, Anijas, Eltern seien viele Emigranten aus Osteuropa gekommen, hätten in Israel Schwierigkeiten mit dem Klima gehabt und seien beim Versuch, nach Amerika auszuwandern, in Deutschland „gestrandet“.

          Der Frankfurter Psychoanalytiker Izzador Kaminer gibt noch eine andere Antwort: Gerade in Deutschland könnten Juden leben, denn dies sei ein Ort der ständigen Konfrontation: „Du gehst nach draußen, du siehst die Deutschen.“ In Amerika könne man sich als Jude der Illusion hingeben, der Holocaust sei nicht geschehen. Am Ende von Bahats Films gewinnt niemand die Schachpartie im Holzhausenpark.

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