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Josef Mengeles Zeit in Frankfurt : Die Doktorarbeit des Todesengels

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Mengeles Wirkungsstätte in Frankfurt: das damalige Uni-Institut für Erbbiologie und Rassenhygiene, gelegen an der Gartenstraße Bild: Archiv Goethe-Universität

Der spätere KZ-Arzt Josef Mengele wurde 1938 an der Frankfurter Universität promoviert. Dass er auch dort tätig war, ist bisher aber nicht weithin bekannt. Das will die Forschungsstelle für NS-Pädagogik ändern.

          Das Papier ist vergilbt, die Ecken sind abgegriffen. „Universitäts-Institut für Erbbiologie und Rassenhygiene Frankfurt am Main“ steht oben auf dem Deckblatt. Und darunter: „Sippenuntersuchungen bei Lippen-Kiefer-Gaumenspalte“. Ein Wälzer, der die Vererbbarkeit jener Missbildung belegen sollte, die früher auch Hasenscharte genannt wurde. Eine Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde der Medizinischen Fakultät der Johann Wolfgang Goethe Universität Frankfurt, vorgelegt im Juni 1938. Verfasst hat sie ein gewisser Josef Mengele aus Günzburg an der Donau. Der spätere KZ-Arzt und „Todesengel von Auschwitz“ – jener Mann, der im „Dritten Reich“ Versuche an Zwillingen vornahm und kistenweise Augäpfel toter Kinder nach Berlin verschickte.

          Groß feiert die Universität in diesem Jahr ihr hundertjähriges Bestehen. Zu ihrer Geschichte gehört die Gründung im Jahr 1914, die vor allem jüdischen Stiftern zu verdanken war. Dazu gehören aber auch die Verstrickungen während der NS-Zeit, die bis ins Vernichtungslager Auschwitz reichten. Denn der berüchtigte SS-Arzt Mengele, dessen akademische Biografie bisher meist nur mit der Ludwig-Maximilians-Universität München in Verbindung gebracht wurde, arbeitete auch in der Stadt am Main und wurde dort promoviert.

          „Nie vertuscht“, aber nicht weithin bekannt

          „Frankfurt ist nicht nur Goethe, sondern auch Mengele“, sagt Benjamin Ortmeyer, Professor am Institut für Allgemeine Erziehungswissenschaft der Goethe-Universität und Leiter der Forschungsstelle NS-Pädagogik, in der die Universität und das Fritz-Bauer-Institut kooperieren. Dass in dem heute zum Westend-Campus der Universität gehörenden Poelzig-Bau der IG-Farben-Konzern seinen Sitz hatte, der das Lager Monowitz in Auschwitz betrieb und das Zyklon B für die Gaskammern herstellte, gehört zur bekannten Historie des Ortes. Dass jedoch Mengele an der Universität wirkte, ist zwar in der Forschung bekannt „und auch nie vertuscht worden“, sagt Ortmeyer, „aber im kollektiven, öffentlichen Bewusstsein und Gedächtnis ist das nicht verankert“.

          Das will die Forschungsstelle für NS-Pädagogik ändern. Sie beginnt am 27. Januar, dem Holocaust-Gedenktag, mit einer Ringvorlesung, die sich in vier Vorträgen, über das ganze Jahr verteilt, nicht nur mit Mengele befasst, sondern auch mit dem nationalsozialistisch gesinnten Uni-Rektor Ernst Krieck, dem jüdischen Professor Ernst Kantorowicz und der Speyerschen Hochschulstiftung. „Täter und Opfer“, betont Ortmeyer. Er versteht das als Kontrapunkt zu den offiziellen Jubelfeiern der Uni. Der Professor will zeigen, „dass nicht alles Gold war in diesen 100 Jahren“.

          Ein Teil der NS-Vergangenheit schlummert im Universitätsarchiv. Dort lagern noch immer die Personalakte Mengeles und seine Doktorarbeit. Darunter finden sich die Geburtsurkunde, ein vom ihm verfasster Lebenslauf, ein „Arier-Nachweis“ und Belege seiner Anstellung als Arzt. Das Material könne eingesehen werden, für Kopien sei es aber gesperrt, sagt Ortmeyer, der in den vergangenen Monaten akribisch Unterlagen und Fakten zusammengetragen hat.

          Bis 1944 auf der Uni-Gehaltsliste

          Daraus ergibt sich, dass Josef Mengele von Januar 1937 bis zu seiner Einberufung im Juni 1940 unter dem NS-Rassentheoretiker Otmar von Verschuer am Universitäts-Institut für Erbbiologie und Rassenhygiene an der Gartenstraße in Frankfurt beschäftigt war. Auf Gehalts- und Personallisten der Uni stand Mengele sogar noch bis 1944, also während er schon in Auschwitz war.

          Zunächst arbeitete er als Medizinalpraktikant am Institut, später als Volontär und Stipendiat der Bad Nauheimer Kerckhoff-Stiftung. Im September 1937 erhielt er die „Bestallung“ als Arzt. Direktor Verschuer schlug Mengele im Mai 1938 für die Besetzung einer Assistentenstelle an seinem Institut vor, die er kurz darauf antrat. Wie Verschuer an das Kuratorium der Uni schrieb, nahm Mengele an amtsärztlichen Untersuchungen teil. „Besonders wertvolle Dienste leistet er bei den erb- und rassenbiologischen Begutachtungen zur Abstammungsprüfung“, schreibt der Institutschef.

          Durch das Raster der Wahrnehmung

          Udo Benzenhöfer, Direktor des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin am Universitätsklinikum, hat sich ausführlich mit Mengele und seiner Frankfurter Zeit befasst und dazu im „Hessischen Ärzteblatt“ eine medizinhistorische Abhandlung veröffentlicht. Er bestätigt, dass so manches durch das Raster der öffentlichen Wahrnehmung gefallen ist: „Viel wurde über Josef Mengele geschrieben. Es überrascht deshalb ein wenig, dass im Bezug auf zahlreiche biographische Details noch immer Unklarheit herrscht.“

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