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Jonas Monar in Frankfurt : Die ganze Welt soll tanzen

  • -Aktualisiert am

Tausendfache Zustimmung über Nacht: Jonas Monar in Frankfurt Bild: Marcus Kaufhold

Standardisierte Dramaturgie der Pop-Gefühle: Jonas Monar gibt sich im Frankfurter Club Zoom ganz locker. Und die Rezeptur kommt beim Publikum gut an.

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          Der schlaksige junge Kerl mit der blonden Tolle hat kurz vor Schluss der Show im Frankfurter Club Zoom einen tollen Vorschlag für seine Fans: „Erst machen wir ein Foto zusammen, zeigt dafür euer schönstes Lächeln. Und dann spielen wir noch einen Song.“ Die Band hockt sich mit dem Rücken zum Publikum hin, die Mitarbeiterin knipst, und wenige Minuten später steht das Foto online auf Jonas Monars Instagram-Account. Daneben steht: „Danke Frankfurt für den mega Abschluss der #niezuendetour2018. Am 29.12. in Wetzlar könnt ihr uns zum letzten Mal in diesem Jahr sehen. Kommt jemand rum?“

          Tags darauf werden mehr als tausend „Gefällt“ angezeigt, und die Kommentarleiste quillt über vor Herzchen-Emojis und „Es war mega!“-Ausrufen. Was die aufgeregte, leicht schrille Begeisterung, die am Abend davor im Zoom herrschte, passend spiegelt. Auf dem Foto sieht man Monar und seine drei Musiker in lässiger Haltung, dahinter freudestrahlende Teens und Twens, gut 95 Prozent davon weiblich. Sie verdecken mit ihren gereckten Armen allerdings den Blick in den luftigen Raum, ist der Club doch noch nicht einmal zur Hälfte gefüllt.

          Tausendfache Zustimmung über Nacht

          Tausendfache Zustimmung über Nacht auf Instagram klingt nach viel, doch ist es das? Felix Jaehn und Max Giesinger dürften vermutlich mehr Klicks bekommen. In jenem deutschen Pop- und Schlager-Kosmos, den die beiden repräsentieren, bewegt sich auch Jonas Monar, der in einer klassischen Boyband als „der Süße“ gecastet worden wäre. Doch Monar verfolgt eine Solo-Karriere und setzt dabei auf die in Schülerbands und später auf Tourneen als Vorprogramm von Silbermond und Nena gewonnene Erfahrung. Bei seinem Konzert in Frankfurt zeigt der junge Berliner keine Scheu vor gekonnter Selbstdarstellung und souveränem Posing. Es ist ein Kinderspiel für einen Selfie-gestählten Digital Native wie ihn – mit dem Handy eines Fans macht er sogar einige Fotos von sich, während er singt.

          Doch auch musikalisches Können gehört dazu, wenn die Charts im Visier sind. Monar entfährt kein falscher Ton, und er hat seine anderthalbstündige Show jederzeit im Griff, ob er nun federnd tanzend wie ein Rapper, ob er nun am weißen E-Piano besinnlich wird oder zur akustischen Gitarre zum ausschweifenden Mitsingprogramm ansetzt. Und es ist geradezu beeindruckend, wie er mit locker-flockigen Moderationen, Komplimenten und Scherzchen sein im dichten Pulk vor der Bühne stehendes Publikum beisammenhält.

          Er sei „ein bisschen verliebt“ in seine Band Nico, Daniel und Paul („leider falsche Körper“), schäkert er mit den ersten Reihen. Er bittet mit dem Lied „Du bist mir wichtig“, das er für eine Anti-Suizid-Kampagne der Caritas geschrieben hat, um mitmenschliches Verständnis. Und in einem Atemzug evoziert der Fußballfan Jubel, als er sich als aus einem Stadtteil von Wetzlar stammender Hessenbub zu erkennen gibt, und Entgeisterung, als er sich über den Sieg „meines Bayern München“ über Eintracht Frankfurt an diesem Abend freut. „Oh, das war wohl taktisch unklug“, lacht er da, doch braucht es nur sein optimistisches Selbstfindungslied „Gut soweit“, und alle klatschen wieder mit. Es ist eine standardisierte Dramaturgie der Pop-Gefühle, die er für sein Publikum musikalisch und thematisch aufbereitet. Manches klingt verdächtig nach Coldplay oder Ed Sheeran, und Jan Böhmermanns analytische Schlager-Persiflage „Menschen Leben Tanzen Welt“ würde im Programm wohl auch nicht auffallen. Schließlich singen alle selig die Zeilen aus „Nie zu Ende“ mit, Monars ARD-Titelsong für die Olympischen Winterspiele: „Komm lass das nie zu Ende gehen, ich will die ganze Welt tanzen sehen“. Man will zusammen „crazy sein“ und „fliegen können“. Derweil lugen die ersten Erziehungsberechtigten schon vorsichtig von draußen hinein. Sie müssen sich keine Sorgen machen, ihre glücklich verschwitzten Schützlinge werden ihnen am nächsten Tag bestimmt ein paar nette Fotos auf den Social-Media-Kanälen zeigen.

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