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Johnny Depp rockt : Ausgerechnet Herborn

Hessentag in Herborn als Forum: Johnny Depp mit den „Hollywood-Vampires“, rechts Joe Perry (sonst bei Aerosmith) Bild: dpa

Johnny Depp spielt den Rockstar, und der Hessentag wird Zeuge: Sein einziges Deutschland-Konzert gibt der Schauspieler zusammen mit Alice Cooper und Joe Perry mitten in der Provinz.

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          Johnny Depp muss sich so stark konzentrieren, dass ihm fast der Zigarillo aus dem Mund fällt. Alice Cooper und Joe Perry, neben denen er beim Hessentag in Herborn auf der Bühne steht, wirken viel lockerer als der Schauspieler, der da vorne ein bisschen steif nach dem richtigen Griff auf der Gitarre sucht. Aber normalerweise ist er ja auch Filmstar. Mit der Gitarre zu rocken ist allerdings schon immer sein Traum gewesen. Über dessen Verwirklichung ist er 52 geworden. Immerhin geben ihm seit einem Jahr die Hollywood Vampires Gelegenheit zum gemeinsamen Musikmachen. Beim Auftritt der Band in der hessischen Provinz winkt der Weltstar zerstreut in Richtung Smartphone-Meer, das die Geste per Handyvideo sogleich vervielfacht ins Netz hinausschickt. Manche Fangesichter leuchten facebookblau, andere whatsappgrün, und alle Zuhörer wirken ebenso konzentriert wie Depp.

          Livia Gerster

          Redakteurin in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Ausgerechnet in Herborn geben die Hollywood Vampires am Sonntagabend ihr einziges Deutschland-Konzert, zum Abschluss des Hessentags, der mehr als eine Woche lang eine knappe Million Besucher angezogen hat. Warum hier, das ist unter den Konzertgängern den ganzen Abend über Thema. „Da hat wohl einer viel gezahlt“, mutmaßt eine Rockerin mit roter Mähne und schwarzem Mantel. „Nee, ich glaube, Johnny wollte einfach nur richtig weit weg von Amber Heard“, widerspricht ihre Freundin. Von Heard lebt Depp seit wenigen Tagen getrennt. Sie wirft ihm Gewalttätigkeit vor, was die Fans im friedlichen Herborn nicht glauben wollen. „Wäre er doch bei Vanessa geblieben“, sagt die rote Mähne seufzend. „Mit diesen jungen Frauen geht das halt nicht gut.“

          Der Mann, der sich selbst richtete

          Ihrem Kreischen nach scheinen sich einige junge Hessinnen als Trostspenderinnen anbieten zu wollen. Die meisten der vielen tausend Zuschauer allerdings sind, ebenso wie die Stars, schon etwas älter und können sich das 70-Euro-Ticket leisten. Sie haben Cooper, der zum Konzertfinale früher gerne seine eigene Hinrichtung inszenierte, schon vor dreißig Jahren gesehen. Erhängt hat sich der Achtundsechzigjährige dieses Mal zwar nicht, aber er springt in seinen Lederleggings so vital über die Bühne wie eh und je. Auch Perry, der Aerosmith-Gitarrist, enttäuscht seine zusammen mit ihm gealterten Fans nicht. Erst kniet er sich für ein Solo mit nackter Brust dem Regen entgegen, um kurz darauf die Gitarre in Stücke zu schlagen.

          Mit ein paar eigenen Songs der Hollywood Vampires geht es los, dann folgen Klassiker der Rockgeschichte von Pink Floyd, The Doors, Led Zeppelin und The Who. Die ganze Zeit bleibt Depp blass, es ist Cooper, der die Show bestreitet. Den Besuchern ist es egal, den jüngeren reicht die Handy-Nähe zum Star, die älteren sind eher wegen Cooper und Perry gekommen. Während die eine Hälfte der Besucher in schwarzer Lederkluft erschienen ist, trägt die andere beige Steppjacken und gestreifte Hemden. „Man sieht es uns nicht an, aber als Alice Cooper noch jung war, haben auch wir Rock gehört“, sagt eine Vertreterin der zweiten Gattung. Andere sind sich treuer geblieben.

          Kontrastprogramm zum langweiligen Beruf

          Siggi Kristek mit schwarz gefärbtem Bürstenschnitt und Lederweste geht mit seiner Frau schon seit dreißig Jahren auf Rockkonzerte: „Das ist das Kontrastprogramm zu meinem langweiligen Beruf.“ Als Reinigungsmeister könne er nicht so herumlaufen wie an diesem Abend, sagt er. Dabei seien die Springerstiefel und die rot-schwarzen Leggings seine natürliche Erscheinungsform. „Hier können wir aus dem Alltag ausbrechen“, bestätigt seine Frau. Auf die Kinder passen derweil die Großeltern auf. „Ist wie ein Kurzurlaub für uns“, sagt das Paar und wippt selig mit den Köpfen.

          Andere haben die Kinder einfach mitgebracht. Fünfjährige sitzen mit großen Ohrenschützern auf den Schultern der Väter und üben den Rockergruß, genannt Pommesgabel, aus gespreiztem kleinem Finger und Zeigefinger. In diesem Alter war auch der Sohn von Rüdiger Finke schon mit den Eltern auf Rockkonzerten, mittlerweile ist er siebzehn und teilt noch immer ihren Musikgeschmack. „In meiner Klasse hören alle Elektro“, sagt der Gymnasiast verständnislos. „Wir Rocker sind ganz friedliche Menschen“, erklärt der Vater. „Aber manchmal müssen wir über die Stränge schlagen.“ Über die Stränge schlagen, das ist auch das Programm der Hollywood Vampires. Der Name geht auf einen Trinkerkreis in Los Angeles zurück, in dem sich in den siebziger Jahren Rockstars trafen. Aufgenommen wurde nur, wer die anderen unter den Tisch trank. Cooper ist der letzte Überlebende, deshalb widmet er seinen toten Freunden ein Lied. „We drink and we fight and then we die“, singt er.

          Warum sie zum Kämpfen nach Herborn gekommen sind, bleibt weiterhin ein Rätsel. Vielleicht dachten die Musiker, Herborn sei so etwas wie Wacken. Oder sie hielten Herborn aus amerikanischer Perspektive für eine Art Stadtteil von Frankfurt. Mit „Fraaankfurt“ spricht zumindest der Sänger der Vorband das Publikum immer wieder an. Vielleicht wollten Depp, Cooper und Perry aber auch einfach nur ein bisschen Abwechslung. Vielleicht suchten sie in Herborn, wo der HR-Moderator keinen Glamour, dafür aber hessischen Schlappmaul-Charme versprüht, ein bisschen Bodenständigkeit. „Es gab einmal eine Zeit, da hätten wir wochenlang durch Deutschland touren können“, erzählt Perry in einem Interview. „Aber wir sind alle älter geworden und packen das nicht mehr so.“ Wahrscheinlich hielten sie daher ein Konzert im hessischen Wald für das Richtige. Auch wenn bei ihrem Auftritt von Altersmüdigkeit keine Rede sein kann, um 23 Uhr hören die Vampire pünktlich auf. Und auch die Rockergäste verabschieden sich, um ins Bett zu gehen.

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