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Gutenberg-Musical : Ja, wenn der Wein nicht wär’

Fakten, Fakten, Fakten: Johannes Fust (Helmut Markwort, Mitte) ist Gutenbergs Gegenspieler. Bild: © Bernd Weisbrod

Zwischen Revue, Satire und historischem Possenspiel: In Mainz wird „Johannes Gutenberg. Das Musical“ uraufgeführt. Kommt das beim Publikum gut an?

          Das erlebt man selbst in Mainz nicht alle Tage. Dass nämlich am Ende der zwei Stunden alle, wirklich alle im restlos ausverkauften unterhaus dem Ensemble stehend applaudieren und glückselig zujubeln wie sonst nur den Narren beim Rosenmontagszug – und man für einen Augenblick die Welt nicht mehr versteht.

          Christoph Schütte

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          „Die Mainzer werden es lieben“, hatte unterdessen der scheidende Geschäftsführer der legendären Kleinkunstbühne, Ewald Dietrich, schon vor der Uraufführung von „Johannes Gutenberg. Das Musical“ prognostiziert. Und sollte recht behalten.

          Finale des Gutenberg-Jahres

          Denn in der Tat scheint der bunte, von einer dreiköpfigen Band begleitete Abend zum großen Finale des Gutenberg-Jahres durchaus geeignet, wenn nicht im Londoner Westend, am Broadway oder in der Alten Oper Frankfurt, so doch wenigstens in Mainz die eine oder andere Spielzeit lang für ausverkaufte Aufführungen zu sorgen. Und sei es nur, weil Margit Sponheimer, Ehrenbürgerin der Stadt, den Zuschauern aus der Seele sang: „Ja, wenn der Wein, wenn der Wein, wenn der Wein nicht wär...“ Da klatschte das Publikum, darunter mit Oberbürgermeister Michael Ebling (SPD), Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) oder Entertainer Harald Schmidt allerhand Prominenz, schon mal begeistert mit, fast wie einst beim „Blauen Bock“.

          Doch sonst? Da konnte selbst Sponheimer, die in Frank Golischewskis als Nachfolge für den – ebenfalls von ihm verantworteten – Dauerbrenner „Feucht & Fröhlich“ als Fremdenführerin geschickt von der Welt Gutenbergs in die Gegenwart und zurück führte, und konnte auch der mächtige Bass Gunther Emmerlichs in der Titelrolle das auf intimer Bühne inszenierte Musiktheater nicht wirklich retten. Und warum der Autor, Komponist und Regisseur den zwar theaterbegeisterten, aber nicht ernstlich talentiert zu nennenden Alterspräsidenten des Bayrischen Landtags, Helmut Markwort (FDP), als dessen Gegenspieler Johannes Fust besetzt hat, kann man sich auch nur mit dem Running Gag des Abends erklären: „Fakten, Fakten, Fakten“.

          Genug Stoff für ein Stück

          Und immer an die Leser denken. Immerhin war Markwort auch mal Journalist. Indes, an die nicht in Mainz geborenen Zuschauer hat Golischewski offensichtlich weniger gedacht als an die „Focus“-Leser. Denn aus „Gutenberg“, aus all den Szenen, Häppchen, Nummern wird kaum einmal ein Stück. Dabei bietet die Geschichte des Johannes Gensfleisch zwischen Mainz und Straßburg und Eltville, zwischen Kredit und Bankrott, Kabale und Liebe, Quintinskirche und Druckerwerkstatt allemal Stoff genug. Nur kann sich Golischewski, als Piccolomini selbst in tragender Rolle auf der Bühne, offenbar nicht recht entscheiden, welche Geschichte er eigentlich erzählen will. Und wie.

          Stattdessen springt dieser „Gutenberg“ im Lauf des Abends nicht nur zwischen 15. und 21. Jahrhundert, Rom und Mainz, zwischen Komik und Kalauer, Revue, Satire und historischem Possenspiel und zwischen „Mainz bleibt Mainz“ und Weck, Worscht und Woi recht munter hin und her. Auch musikalisch biedert sich dieser „Gutenberg“ mit Reminiszenzen an die Musik der Spielleute, mit Rap und Schlager, statt eine Linie vorzugeben, am Ende bloß vor allem an. Immerhin, glaubt man einem Herrn aus dem Publikum, dann kriegt man als Mainzer bei diesem „Gutenberg“ schon einmal feuchte Augen. Und insofern war auf das Publikum im unterhaus bei der Premiere allemal Verlass. Allein, wer nicht von hier ist, hat es ungleich schwerer. Und wenn der Wein, wenn der Wein, wenn der Wein nicht wär, man hielte es kaum aus.

          Bis 22. Januar im Mainzer unterhaus, Münsterstraße 7. Alle Vorstellungen sind ausverkauft. Wiederaufnahme im Januar 2020.

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