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Johannes Gutenberg : Mann des Umbruchs

Spekulativ: Die Statue auf dem Gutenbergplatz in Mainz. Wie der Erfinder ausgesehen hat, ist nicht überliefert. Bild: Michael Kretzer

Die Stadt Mainz erinnert zum 550. Todestag an den Erfinder Johannes Gutenberg. Dessen Biografie gibt der Wissenschaft noch immer Fragen auf. Derweil stockt der Umbau des nach ihm benannten Museums.

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          Wenn Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am 19. März nach Mainz kommt, wird er wieder das Gutenberg-Museum aufsuchen, um sich dort – wie schon am Tag der Deutschen Einheit – in das Goldene Buch der Stadt einzutragen. Diesmal dürfte dem Ehrengast, der mit Ehefrau Elke Büdenbender eine zweitägige Rheinland-Pfalz-Reise unternehmen will, allerdings deutlich mehr Zeit bleiben als am von einem engen Terminplan und starken Sicherheitsvorkehrungen geprägten 3. Oktober 2017. Also wird es auch in die Kellerräume gehen.

          Markus Schug

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Mainz und für den Kreis Groß-Gerau.

          „Majesty, and now we go enunner in the Druckerwerkstatt.“ Ebendiesen in Mainz legendären Satz soll der seines Redemanuskripts beraubte einstige Oberbürgermeister Jockel Fuchs (SPD) gesagt haben, als im Mai 1978 die britische Königin Elisabeth II. und Prinz Philip dem Weltmuseum die Ehre gaben. Damals wie heute gehört das Haus der Druckkunst zu dem, was man bei einem Mainz-Besuch gesehen haben muss: Weil es an den vor 550 Jahren verstorbenen Erfinder Johannes Gutenberg und zudem mit Druckwerken jedweder Form an die von ihm maßgeblich geprägte „Blei-Zeit“ erinnert.

          Bürgerentscheid im April

          Zuletzt schauten sich jährlich mehr als 130 000 Neugierige in dem aus drei Solitären zusammengesetzten Komplex um. Nun soll er modernisiert und zu einem attraktiven Museumsquartier gemacht werden, damit „aus dem Haus der stummen Bücher ein Haus lebendiger Geschichte wird“. Das ist zumindest das erklärte Ziel des Vorhabens „Gutenberg-Museum 2020“, das zu Jahresbeginn mit dem ersten Spatenstich für einen Bibelturm genannten Anbau eigentlich Gestalt annehmen sollte. Doch weil die damit verbundene Umwandlung des Liebfrauenplatzes und auch der mehr als 20 Meter hohe bronzene Turm in der Bevölkerung nicht nur auf Zustimmung stießen, wird es nun aber am 15. April den allerersten Bürgerentscheid der Stadt geben.

          Sollte sich die Mehrheit der Befragten gegen das fünf Millionen Euro teure Projekt aussprechen, wäre nicht nur der Entwurf des Hamburger Büros DFZ Architekten vom Tisch. Nach Ansicht von Museumsdirektorin Annette Ludwig droht dem Haus dann auch eine lange Phase des Stillstands. Dabei mache der aktuell zu erlebende Medien-Umbruch zwangsläufig auch einen Museums-Umbruch erforderlich, um mit einer neu gestalteten Dauerausstellung und Präsentationen auf die veränderten Erwartungen und Wahrnehmungsgewohnheiten der Besucher reagieren zu können. Eine Sanierung der vorhandenen, nicht mehr zeitgemäßen Schauräume reiche bei weitem nicht aus.

          Biographische Lücken

          Ganz gleich, wie die Sache ausgehe, sei die Abstimmung „nicht als Entscheidung pro oder contra Gutenberg zu verstehen“, sagte Oberbürgermeister Michael Ebling (SPD) am Montagabend bei einem Festakt im Kleinen Haus des Mainzer Staatstheaters, mit dem der vor 550 Jahren gestorbene Sohn der Stadt gebührend geehrt und gefeiert wurde. Man habe dem „Mann des Millenniums“ viel zu verdanken. Nicht nur wunderbare Bücher, wie die etwa 180 von ihm geschaffenen Gutenberg-Bibeln, von denen „eineinhalb Exemplare“ künftig im neuen Bibelturm präsentiert werden sollen. Der um 1400 in Mainz als Johannes Gensfleisch zur Laden geborene Patriziersohn der Eheleute Friele und Else sei „einer der ersten Start-up-Unternehmer der Geschichte“ und ein brillanter Typograph gewesen, lobte Ebling den „Vater der Massenkommunikation“. Nicht zuletzt gehe die erst vor 50 Jahren aus der Taufe gehobene, bei den Bürgern sehr beliebte viertägige Johannisnacht auf den bedeutendsten Sohn der Stadt zurück.

          Solange die Turmbauarbeiten stocken, bleibt Zeit, sich intensiver mit der Gutenberg-Forschung zu beschäftigen. Ende Februar tauschten sich in Mainz mehrere Historiker bei einer öffentlichen Tagung darüber aus, was man über den „bekannten Unbekannten“ weiß, dessen bestens in die Zeit des Umbruchs passende Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen und mehrfach zu verwendenden Metalllettern sich rasch in alle Welt ausgebreitet hat. Über viele Aspekte aus dem Leben des Patriziersohns, darunter sein Geburtstag und -jahr, sein Aussehen und genauer Wohnort, muss weiterhin spekuliert werden. Auch ein mögliches Studium in Erfurt, das jedoch als wahrscheinlich gilt, gibt ebenso wie einige biographische Lücken der Wissenschaft noch immer Fragen auf.

          Gewiefter und wagemutiger Unternehmer

          Anderes, wie die lange vorherrschende Meinung, dass er verbittert und verarmt verstorben sei, gilt inzwischen als Fehleinschätzung. Neuerdings geht man davon aus, dass der gewiefte und wagemutige Unternehmer dank guter Kontakte zum Erzbischof bis zuletzt gut zu tun hatte und Geschäfte gemacht haben dürfte. Selbst bei dem lange Zeit als gesichert geltenden Zwist mit seinem Geldgeber Johannes Fust soll es sich, so die Darstellung von Wolfgang Dobras, dem Direktor des Stadtarchivs, lediglich um die freiwillige Auflösung einer bis dahin für beide Seiten einträglichen Geschäftsbeziehung gehandelt haben. Und in Konrad Humery habe Gutenberg 1455, also nach Fertigstellung der 42-zeiligen Bibeln, ja auch bald schon einen neuen Geldgeber für seine Werkstattarbeit gefunden.

          Weil Erzbischof Adolf von Nassau den im Februar 1468 verstorbenen Drucker wenige Jahre vor dessen Tod gar noch zum Hofmann ernannt hatte, konnte sich Gutenberg laut Dobras jährlich über eine Gabe „von 1820 Liter Wein und 1600 Kilogramm Getreide“ freuen. Und über genügend Stoff für ein Hofgewand, das den offenbar doch nicht so armen Mainzer Erfinder kleiden sollte.

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