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Fast blind : Der Popstar unter den deutschen Galeristen

Trotz Sehbehinderung hat Johann König ein gutes Gespür für Kunst. Bild: Annette Kelm

Johann König, Sohn des früheren Städelschul-Rektors Kasper König, ist einer der bedeutendsten Galeristen der Welt – obwohl er nach einem Unfall in seiner Jugend zeitweise fast blind war.

          6 Min.

          Johann Königs Kindheit ist mit zwölf Jahren abrupt zu Ende gewesen. In seinem Zimmer im Haus seiner Eltern an der Klettenbergstraße im Holzhausenviertel explodierte eine Dose mit Schwarzpulverkügelchen in seinen Händen. Der Knall, so erinnert sich König, schien eine Ewigkeit nachzuhallen. Der Zwölfjährige fühlte sich von der Erde geschossen, umgeben von allen Farben des Lichts. Als dieses Farbspektakel verblasst war, sah er nichts mehr außer einer pulsierenden Mischung aus Rot, Braun und Schwarz. Vom einen auf den anderen Moment war König blind.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Der schreckliche Unfall hat damals die Frankfurter Kunstwelt erschüttert. Denn Johann König war der Sohn von Kasper König, dem allseits geschätzten Direktor der Städelschule, der damals die Stadt künstlerisch aufmischte – unter anderem mit dem von ihm erfundenen Portikus, einem Ausstellungscontainer für moderne Kunst hinter dem klassizistischen Portal der kriegszerstörten Alten Stadtbibliothek. Kulturdezernent Hilmar Hoffmann von der SPD hatte den damals schon renommierten Ausstellungsmacher von Köln nach Frankfurt gelockt, auf dass König aus Frankfurt eine Stadt der modernen Kunst mache.

           „Top 100“ weltweit

          Heute, 26 Jahre nach dem Unfall, ist Johann König Galerist. Nicht irgendeiner, sondern der Popstar unter den deutschen Galeristen, der in der früheren Kirche St. Agnes in Berlin einen spektakulären Ausstellungsraum aufgebaut hat. Die Galerie König zählt heute zu den „Top 100“ weltweit, sie gilt als einer der wichtigsten Orte für Gegenwartskunst überhaupt. Seinen Weg vom Schüler, der durch die Explosion von Pulverkügelchen aus den Patronen einer Startschuss-Pistole sein Augenlicht weitgehend verlor, zu einem erfolgreichen Kunstmanager hat König jetzt in einem Buch mit dem Titel „Blinder Galerist“ erzählt.

          Das Erblinden hat bei König ein Trauma erzeugt, das „bestimmende Trauma meines Lebens“. Die Explosion hatte seine Augen fast komplett zerstört, er besaß keine Pupillen mehr, keine Linsen und keine Regenbogenhaut. Die Netzhäute waren stark geschädigt, nur der Sehnerv war verschont geblieben. In einer Notoperation direkt nach dem Unfall gelang es dem Ärzteteam, beide Augen zu stabilisieren, indem es diese mit zwei gerade zur Verfügung stehenden Hornhaut-Transplantaten versah. Es bestand zumindest die Möglichkeit, dass der Junge nicht komplett erblindet war.

          Ein Rest Augenlicht

          Seine Genesung sollte sich mehr zwei Jahre hinziehen. Insgesamt musste König mehr als 30 Operationen in Frankfurter und Marburger Kliniken über sich ergehen lassen. Das Leben eines Dauerkranken beschreibt König als ein Leben im Transit: Man warte auf die nächste Operation, auf die nächste Voruntersuchung, auf die nächsten Tests, auf die nächste Sitzung mit dem Gesprächstherapeuten. Irgendwann hatte er den Eindruck, dass er nichts anderes tun könne, als zu warten. Und dies als Jugendlicher. Er hatte gute Tage, an denen er sich über den Besuch seiner Eltern oder seiner Schwester freute. Er hatte auch schlechte, an denen er Wutanfälle bekam und sich im Bad einschloss. Meistens verfiel er aber in eine Art Trance und wurde stoisch.

          Erst nach einem Jahr durfte er wieder dauerhaft nach Hause. Ein Rest von Augenlicht war ihm verblieben. Der junge Mann konnte starke Farben erkennen, Licht, Dunkel und die trüben und verschwommenen Formen großer Gegenstände. König musste alles neu kennenlernen: die Wohnung, das Haus, die Umgebung. Er musste lernen, wie man eine Straße überquert, wie man Entfernungen abschätzt, wie man am Trittgeräusch den Untergrund erkennt, wie man mit dem Blindenstock die Höhe von Stufen und Bürgersteigen abschätzt.

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