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„Job-Speeddating“ : Zehn Minuten Flirten mit der Arbeitswelt

Wer ist hier die Businessfrau? Literaturstudentin Jana Heiler (rechts) im Gespräch mit Vertreterinnen der Kommunikationsagentur Bertenbach Bild: Frank Röth

Gut aussehen, locker bleiben und niemals nie sagen: Darauf kommt es an, wenn Studenten beim „Job-Speeddating“ auf Personalsucher treffen.

          Die Frau mit dem Gong kann es kaum abwarten. Sie tritt von einem Bein aufs andere und lässt den Schlegel in der Hand wippen, während die Uni-Vizepräsidentin und der Mann von der Arbeitsagentur ihre Grußworte sprechen. Wenn die beiden fertig sind, wird sie mit einem Schlag die erste Runde des „Job-Speeddatings“ an der Uni Mainz eröffnen.

          Sascha Zoske

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Jana Heiler ist mindestens genauso nervös wie die Frau mit dem Gong, und sie hat auch einen Grund dafür. Die Masterstudentin der Komparatistik wird gleich ihr erstes Bewerbungsgespräch für eine Vollzeitstelle führen. In dem Workshop, der zur Vorbereitung auf das „Speeddating“ angeboten wurde, hat man ihr beigebracht, dass es nicht schlimm sei, aufgeregt zu sein. Natürlich zu bleiben, darauf komme es an, hat Heiler gelernt. Jetzt steht die Zweiundzwanzigjährige im grauen Hosenanzug auf dem Parkett der Alten Mensa, plaudert mit ihren ähnlich elegant gekleideten Kommilitonen und wartet darauf, dass es losgeht.

          Nicht mehr als vier Tische

          Der schöne Saal mit den Kronleuchtern wird heute durch ein Dutzend graue Stellwände verunziert. Dazwischen stehen schlichte Tische, an denen die Vertreter von zwölf Unternehmen Platz genommen haben. Mehrere IT-Betriebe sind darunter, auch Handelshäuser und PR-Agenturen. Jeder Student, der am „Speeddating“ teilnimmt, wird sich an maximal vier Tischen vorstellen. Zehn Minuten lang können die potentiellen Jobpartner ausloten, ob sie zueinander passen. Anschließend gibt es eine kurze Pause, dann gongt es zur nächsten Runde.

          Heiler hat sich für ihren Flirt mit der Arbeitswelt drei Firmen ausgesucht: den Textildiscounter Kik, den Personalberater SThree und die Kommunikationsagentur Bartenbach. Am liebsten würde die Literaturwissenschaftlerin im Marketing oder im Recruiting arbeiten, aber auch Zahlen machen ihr keine Angst, wie sie sagt - im Bachelorstudium hatte sie als zweites Fach Wirtschaftswissenschaften. Heute möchte sie vor allem ihre Scheu vor fremden Menschen überwinden und „einen guten Eindruck hinterlassen“. Dass ihr nach dem Gang über die Kontaktbörse gleich ein Arbeitsvertrag angeboten wird, erwartet sie nicht. „Ich stelle mich darauf ein, sehr viele Bewerbungen zu schreiben.“

          Auch wenn es eine Weile dauern kann, die Chancen, dass Heiler eine Stelle findet, stehen gut. Unter Akademikern liege die Arbeitslosenquote gerade einmal bei zwei Prozent, „das bedeutet praktisch Vollbeschäftigung“, sagt Alexander Embach von der Geschäftsführung der Mainzer Arbeitsagentur. Da viele Berufstätige mit Hochschulabschluss in den nächsten zehn Jahren in den Ruhestand gingen, dürften sich die Aussichten sogar noch verbessern. Wenn Arbeitgeber und Absolventen dennoch nicht zusammenfänden, könne das an zu hohen Ansprüchen der Unternehmen liegen. Die beklagten oft, dass es den Job-Interessenten an Berufserfahrung fehle - wenig überraschend bei Uni-Abgängern, die noch keine 25 Jahre alt sind.

          Viele Bewerber scheitern nach Embachs Worten auch an „formalen Kriterien“, etwa an Rechtschreibfehlern in ihren Unterlagen. Im Aussieben solcher Kandidaten seien Personalabteilungen sehr routiniert: Mancher Verantwortliche brauche für das Sichten einer Mappe nur 30 bis 60 Sekunden.

          An schlechter Papierform soll beim Mainzer „Job-Speeddating“ erst einmal niemand scheitern. Mehr als eine schriftliche Kurzvorstellung, die die Studenten getextet haben, liegt den Personalvertretern beim Interview zunächst nicht vor. Natürlich hat Jana Heiler wie alle Teilnehmer ihre Unterlagen griffbereit. Als es endlich zur ersten Runde gongt, steuert sie den Tisch von Kik an.

          Dort sitzen eine Bezirksleiterin und ein Vertriebsassistent, deren Namen die Pressestelle des Kleiderhändlers ebenso wenig in der Zeitung sehen möchte wie manche der Fragen, die sie stellen. Die beiden sind leger angezogen, sie begrüßen Heiler freundlich. „Wie geht es Ihnen? Sind Sie aufgeregt?“, erkundigt sich die Bezirksleiterin. Heiler hat ihre Hände auf dem Notizblock gefaltet, der vor ihr liegt, sie sehen blass aus, aber ihre Stimme zittert nicht. Die Kik-Leute wollen von ihr zum Beispiel wissen, welche Filialen sie kennt, ob ein Umzug an den Firmensitz in der Nähe von Unna ein Problem für sie wäre und ob sie sich auch vorstellen könnte, im Controlling zu arbeiten. Nicht auf alles weiß die Studentin eine originelle Antwort, aber natürlich kann sie sich einen Ortswechsel vorstellen, und selbstverständlich ist sie für einen Posten im Controlling „aufgeschlossen“. Sie vergisst auch nicht zu erwähnen, dass sie ein Praktikum in der Unternehmenskommunikation der BASF gemacht hat.

          „Ein sehr nettes Gespräch“

          Nach zehn Minuten hört Heiler den an diesem Tag vermutlich meistgesagten Satz: Danke für das Gespräch, wir werden Ihre Unterlagen weiterleiten, eventuell melden wir uns. Dass das „Job-Speeddating“ für beide Seiten trotzdem mehr ist als bloße Imagepflege, davon ist Arbeitsagentur-Vertreter Embach überzeugt: Nach den bisher zwei Veranstaltungen dieser Art an der Uni Mainz habe fast jede Firma einen aus der Vorstellungsrunde eingestellt.

          „Ein sehr nettes Gespräch“, sagt Jana Heiler nach dem Interview am Kik-Tisch. Später am Tag berichtet sie, dass es auch bei SThree gut gelaufen sei. Dort habe man sie unter anderem gefragt, wie sie vorgehen würde, um sich einen Kundenstamm aufzubauen. Am besten hat es ihr aber bei Bartenbach gefallen. „Das war von Anfang an mein Favorit.“ Konkretes Ergebnis: „Man hat mir eine Online-Bewerbung nahegelegt.“

          Jetzt will Heiler weiter an ihrem Auftritt „feilen“. In ihrer Bewerbungsmappe hat sie einen Fehler entdeckt. Und auch am Outfit gibt es noch etwas zu verbessern. Der Rucksack, mit dem sie bisher unterwegs war, der passt nicht so richtig zur angehenden Businessfrau. „Ich werde mir eine Tasche kaufen.“

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