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Jesiden-Prozess in Frankfurt : Erste Hinweise kamen vom FBI

Verbrechen gegen die Menschlichkeit: Ein Terrorverdächtiger soll für den Tod eines kleinen Mädchens verschuldet haben. Bild: dpa

In Frankfurt steht ein mutmaßlicher Kämpfer der Terrororganisation IS vor Gericht. Der Verdächtige soll für den Tod eines kleinen Mädchens verantwortlich sein. Nun wurden weitere Details zum grausamen Fall bekannt.

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          Am dritten Verhandlungstag im Prozess um den mutmaßlichen Mord an einem jesidischen Mädchen hat ein Kriminalbeamter über den Beginn der Ermittlungen gegen den angeklagten Iraker Taha Al-J. berichtet. Der Siebenundzwanzigjährige muss sich vor dem Oberlandesgericht verantworten, weil er als IS-Mitglied das fünf Jahre alte Kind und dessen Mutter als Sklavinnen gekauft und so schwer misshandelt haben soll, dass das Mädchen bei einer Strafaktion in der Sonne angekettet verdurstete. Die Ehefrau des Angeklagten, die deutsche IS-Anhängerin Jennifer W., steht seit einem Jahr vor dem Oberlandesgericht München, weil sie den Mord nicht verhindert haben soll.

          Anna-Sophia Lang
          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Wie der Kripobeamte am Mittwoch sagte, wurden die deutschen Ermittler im Sommer 2018 im Zusammenhang mit Jennifer W. auf Taha Al-J. aufmerksam. W. bereitete sich, so der Erkenntnisstand, in ihrem Heimatort in Niedersachsen auf die Rückkehr zum IS vor. Dabei sollte sie ein vermeintlicher Glaubensbruder unterstützen, der tatsächlich ein V-Mann des FBI war. Mit diesem chattete die Dreißigjährige: Er sollte Pässe besorgen und einen Führerschein, damit beide mit dem Auto über Österreich, Griechenland und die Türkei zum IS fahren könnten.

          „Es geht ja nur um eine Sklavin“

          Im Juni meldeten sich daraufhin FBI und Verfassungsschutz bei der Kripo und überreichten den Chatverlauf. Darin erwähnte W. auch Taha Al-J., von dem sie zu dem Zeitpunkt schon seit mehr als zwei Jahren ein Kind hatte, dessen Vaterschaft er auch den deutschen Behörden gegenüber anerkannte: Er sei ihr Ehemann und Kämpfer des IS. Später schrieb sie, sie habe ein von Hass geprägtes Verhältnis zu ihm und wolle sich scheiden lassen. Sie habe Angst, dass er ihr die Tochter wegnehmen und ihr selbst etwas antun könne. Am 29. Juni sollte die sorgfältig geplante Fahrt Richtung IS losgehen. Dem Kripobeamten zufolge besorgten die deutschen Ermittler dafür ein Auto, das sie verwanzten. So hörten sie mit, was Jennifer W. auf der Fahrt dem V-Mann erzählte: dass im gemeinsamen Haushalt mit Al-J. im irakischen Falludscha ein fünf Jahre altes Mädchen gestorben sei. „Unsere kleine Kriegsgefangene“, soll sie das Kind genannt haben. Al-J. habe es so hart bestraft, dass es starb. Er sei wütend gewesen, weil das Mädchen auf eine Matratze uriniert habe. „Er hätte sie nicht mit der Sonne bestrafen dürfen, es war 50 Grad“ – so gibt der Kripobeamte das Gespräch im Auto wieder. „Er hätte sie nicht draußen fesseln und ihr kein Wasser geben dürfen.“

          W. soll außerdem gesagt haben, sie habe ihren Mann gewarnt, dass das Mädchen sterben werde. Aber das sei ihm egal gewesen. Für 200 bis 1000 Euro habe man sich Sklaven kaufen können, so hätten sie auch die Jesidinnen besorgt. Doch nach dem Tod des Mädchens sei Al-J. in Falludscha ins Gefängnis gekommen. Sie selbst habe eine Aussage machen wollen, allerdings sei ihr davon abgeraten worden, weil ihr Mann sonst bestraft würde. „Und es geht ja nur um eine Sklavin.“ Al-J. sei irgendwann nach Rakka verlegt worden und später freigekommen. Sie sei mit ihm zu Verwandten in der Türkei geflüchtet.

          Nahe Ulm hielt die Kripo das Auto an und nahm Jennifer W. fest. Bis sie auch Taha Al-J. festnahmen, dauerte es noch bis Mai 2019. Der Prozess gegen seine Frau lief schon, als die griechische Polizei ihn in Athen fand. Im Oktober wurde er nach Deutschland ausgeliefert. Geäußert hat er sich nicht, auch vor Gericht wird er wohl schweigen. Ob die Vorwürfe sich bestätigen lassen, hängt also von Zeugen und Beweismitteln wie Videos, Fotos und Chats ab. Die Ermittler werten derzeit immer noch Daten aus, die auf seinem Handy gefunden wurden. Der Prozess wird am Dienstag fortgesetzt.

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