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Jesiden-Prozess in Frankfurt : Eine Zeugin aus der Mitte der Hölle

Mutmaßlicher IS-Kämpfer: Taha Al-J. soll für den Tod eines jungen Mädchens verantwortlich sein. Bild: Wolfgang Eilmes

Am Oberlandesgericht Frankfurt läuft seit April der Prozess gegen den mutmaßlichen IS-Anhänger Taha Al-J. Der Mann soll an der systematischen Tötung von Jesiden im Irak beteiligt gewesen sein.

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          Draußen vor dem Gericht steht eine Gruppe von Männern und Frauen im Halbkreis. Sie schweigen, ihre Gesichter sind ernst. Vor sich halten sie Bilder, vergrößert und auf dicke Pappe gedruckt, die so Grausames zeigen, dass man kaum hinschauen kann. Tote Körper, die auf dem Boden liegen. Kinder, deren Gesichter vom Weinen verzerrt sind. Es sind Jesiden aus Singhal, der inoffiziellen Hauptstadt der Minderheit im Irak, ermordet und traumatisiert von der Besetzung des IS. Die Männer und Frauen, die diese Bilder zeigen, gehören zum Kongress der Jesiden weltweit. Einer Organisation, die sich für die Anerkennung der Jesiden nicht mehr nur als religiöse Minderheit, sondern als Volk mit eigener Religion, Sprache und Kultur einsetzt. An diesem Tag stehen sie hier, weil in dem Gerichtssaal ein paar Meter entfernt von ihnen ein Mann auf der Anklagebank sitzt, der mitverantwortlich dafür sein soll, dass unter der Herrschaft des IS Jesiden systematisch getötet und versklavt wurden.

          Anna-Sophia Lang

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Taha Al-J. ist angeklagt, ein fünf Jahre altes Mädchen und dessen Mutter gekauft und in seinem Haushalt in Falludscha mit seiner Ehefrau, der deutschen IS-Anhängerin Jennifer W., ausgebeutet zu haben. Um sie zu bestrafen, soll er das Mädchen in sengender Hitze ans Fenster gekettet haben, bis es verdurstete. Jennifer W. wird der Prozess am Oberlandesgericht München gemacht, Al-J. muss sich seit einigen Wochen in Frankfurt verantworten. Er hat bisher geschwiegen. Seine Verteidiger haben gesagt, dass nicht mit einem Geständnis zu rechnen sei.

          Weitere Zeugen werden erwartet

          Auch am Dienstag ist wie zu Prozessbeginn schon offensichtlich, dass Al-J. zwar viel zu sagen hat, aber lediglich für die Ohren seiner Rechtsanwälte. Im Zeugenstuhl sitzt eine Frau, die schon im Prozess gegen Jennifer W. umfassend ausgesagt hat: Annette L., eine Berlinerin, die in Syrien mit W. zusammen in einem Frauenhaus des IS gewohnt hatte und auch Hinweise auf Taha Al-J. geben kann. Der Senat muss zwischendurch ihre Vernehmung unterbrechen und einen Zeugenbetreuer zur Unterstützung rufen, weil L. in Tränen ausbricht, als sie von dem Horror berichtet, den sie beim IS erlebt hat. „Frauenmaterial“ nennt sie sich und die anderen Anhängerinnen der Terroristen, die in dem Frauenhaus darauf warteten, mit einem IS-Mitglied verheiratet zu werden. Sie berichtet von Freiheitsentzug, Erniedrigungen, Mobbing und Gewalt – und von Jennifer W., die sich in einen Mann verliebt habe, der als eine Art Geisterheiler ins Frauenhaus kam, um mit den Frauen „Gemeinschaftssitzungen“ zu machen. Ihn habe W. später geheiratet, sei mit ihm in den Irak in seine Heimatstadt Falludscha gezogen und habe ein Kind mit ihm bekommen.

          Identifizieren kann sie den Angeklagten nicht als jenen „Heiler“. Dieser habe nämlich stets den Kopf gesenkt gehalten, damit auch ja kein Blickkontakt zu den Frauen entstehe. Und Annette L. glaubt, dass der „Heiler“ kein IS-Anhänger war, weshalb die Terroristen angeblich auch die Heirat mit W. verhindern wollten. Doch L. ist nur ein Mosaikteil in der Beweisaufnahme. Das Gericht wird im Lauf der Monate viele weitere Zeugen, Sachverständige und Dokumente einführen. Erst dann kann es aufklären, was wirklich mit dem kleinen Mädchen geschah.

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