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Artenvielfalt : Sorgen um den Drüsigen Ehrenpreis und den Steifen Lauch

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Exemplare des in der Natur fast verschwundenen Sand-Zwerggrases, des kleinsten Grases der Welt, wachsen im Botanischen Garten. Bild: dpa

Knapp 1800 einheimische Pflanzenarten gibt es in Hessen, mehr als jede dritte steht auf der Roten Liste der gefährdeten Arten. Mehrere Naturschutzprojekte wollen sie retten.

          Die größten Sorgen macht den Botanikern der Drüsige Ehrenpreis. Das kleine Pflänzchen sollte an seinem letzten Stammplatz bei Gießen wieder in großer Zahl heimisch werden. Dazu wurden Samen gesammelt, vermehrt und wieder ausgebracht. Doch die Bemühungen scheinen gescheitert zu sein. Bisher jedenfalls konnten dort keine neuen Exemplare entdeckt werden, sagt Andreas König, stellvertretender Leiter des Botanischen Gartens in Frankfurt. In diesem Jahr bilanzieren er und seine Kollegen ein Projekt, das insgesamt 15 heimische Wildpflanzen vor dem Verschwinden retten soll.

          Neben dem Drüsigen Ehrenpreis ging es dabei um weitere Arten mit klangvollen Namen wie den Steifen Lauch, den es nur noch an zwei Felswänden in Nordhessen gibt, die Sand-Silberscharte aus Südhessen, den Zweifelhaften Grannenhafer aus Lorch im Rheingau und die Sumpf-Fetthenne aus der Rhön.

          Das kleinste Gras der Welt

          Auch drei weiteren Arten aus der Wetterau haben sich die Biologen angenommen: Der Aufrechten Weißmiere, dem Hügel-Knäuelkraut und dem Fünfmännigen Spergel. Die Mittel dafür kamen von der KfW-Stiftung. Ganz gut geklappt hat die Samenvermehrung beim fast verschwundenen Sand-Zwerggras, dem kleinsten Gras der Welt, das nun in der Nähe von Mörfelden-Walldorf wieder sprießt, wie König sagt.

          „Die Wildpflanzen, die auf nährstoffarme Standorte angewiesen sind, haben ein echtes Problem wegen des vielen Stickstoffs aus der Landwirtschaft und der Luft“, sagt König. Hinzu kämen zunehmende Bebauung, Glyphosateinsatz sowie die Tatsache, dass heute häufiger gemäht werde als früher. „Damals gab es auf Wiesen 40 bis 50 Pflanzenarten, heute sind es noch fünf bis zehn.“

          Insgesamt gilt in Hessen mehr als jede dritte heimische Pflanzenart mindestens als gefährdet, bilanziert das Hessische Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie (HLNUG), kurz vor dem Internationalen Tag der biologischen Vielfalt an diesem Mittwoch (22. Mai). 1793 einheimische Pflanzenarten gebe es im Land, 28,6 Prozent seien gefährdet, sagt Dezernatsleiter Christian Geske. Knapp acht Prozent seien extrem selten geworden.

          Eine ähnliche Situation sieht Geske bei den Tieren, rund 40 Prozent aller in Hessen vorkommenden Arten sei ein Gefährdungsstatus zugeordnet. Die Entwicklung hänge eng mit der der Pflanzen zusammen: Verschwinden Wiesenkräuter, verschwinden auch die Schmetterlinge, Wildbienen, Vögel und Käfer, die auf sie angewiesen sind.

          Natur- und Artenschutz muss sich lohnen

          Düngung, Stickstoff aus der Luft, Pestizide und eine immer intensivere Nutzung von Grünland zählt auch Geske zu den Gründen, weshalb die Biodiversität zurückgeht. Der Bauernverband bemühe sich, das Thema aufzugreifen. Doch effektiv könne dies nur sein, wenn sich Natur- und Artenschutz auch finanziell für die Landwirte lohnten. Dazu müsse die Förderung angepasst werden. Eine Sprecherin des Landwirtschaftsministeriums in Wiesbaden verwies auf Mittel, die das Land unter anderem für nachhaltige Landbewirtschaftung und vielfältige Ackerkulturen bereitstelle. Die Naturschutzfinanzierung sei seit 2013 verdoppelt worden.

          Die Lage der biologischen Vielfalt habe sich dennoch in den vergangenen Jahrzehnten deutlich verschlechtert, in Hessen genauso wie in anderen Ländern, heißt es auch aus Wiesbaden. Dabei gerate der Klimawandel neben der Landwirtschaft als Ursache zunehmend in den Fokus.

          Weltweit beobachten Experten einen deutlichen Rückgang der biologischen Vielfalt. Zuletzt war ein UN-Bericht veröffentlicht worden, wonach von den geschätzt acht Millionen Tier- und Pflanzenarten weltweit bis zu eine Million vom Aussterben bedroht seien. Das Ausmaß des Artensterbens sei in der Geschichte der Menschheit noch nie so groß gewesen.

          Botanischer Garten in Frankfurt

          Für das Projekt „Erhaltungskulturen“, an dem der botanische Garten in Frankfurt beteiligt ist, wurden Arten ausgewählt, für die Hessen das Hauptverbreitungsgebiet ist. Wie wichtig die Existenz der Pflänzchen ist, sei nicht untersucht, sagt König. In der Natur sei alles miteinander vernetzt, und man wisse nicht, was passiere, wenn an einem Teil des Netzes eine Veränderung eintrete.

          Doch selbst bei erfolgreicher Wiederansiedlung der Pflänzchen könne ein solches Projekt deren Überleben alleine nicht garantieren. Denn die Umweltbedingungen blieben ja gleich. „Wir können höchstens einen kleinen Zeitgewinn erreichen, in der Hoffnung, dass in zehn Jahren vielleicht weniger Stickstoff in der Luft ist“, sagt König.

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