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Jean Paul Höchstädter : Schlagzeuger müssen Chamäleons sein

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Ihn hört man immer: Jean Paul Höchstädter gibt seit 2007 am Schlagzeug der HR-Bigband den Takt an. Bild: Helmut Fricke

Schlagzeuger sind die Chamäleons unter den Mitgliedern ihres jeweiligen Ensembles. Der Musiker Jean Paul Höchstädter ist als Drummer Herz und Lunge der HR-Bigband zugleich.

          Darüber, wer die prototypischen Jazzmusiker sind, lässt sich endlos streiten. Sind es die notorisch lautstarken Trompeter oder doch eher die Saxophonisten mit ihren schimmernden Instrumenten für die glitzernden Töne zwischen Bebop und Free Funk? Welche Stellung nehmen die Pianisten mit ihrem allmächtigen Flügel für sämtliche Lebenslagen des gehobenen Entertainments ein? Es scheint, als müsse die Hauptrolle im Jazz erst noch besetzt werden.

          Wer den Jazz buchstäblich vorantreibt, ist hingegen keine Frage. Die Schlagzeuger sind die Herz-Lungen-Maschinen der Jazzensembles, vor allem in den Bigbands, wo ihnen alle übrigen Musiker angeschlossen werden. Von der Präzision und dem reibungslosen Funktionieren der Schlagzeuger, von ihrem Zeitgefühl hängt alles ab. Selbst in den offenen Formen des Free Jazz besitzen sie stets die größte Antriebskraft. Wenn sie ihre Trommeln wirbeln, diese Grundpfeiler des Jazz seit den alten Tagen in New Orleans, gibt es rhythmisch keine Widerrede.

          Stilistisch vielseitige Chamäleons

          Zugleich aber sind die Schlagzeuger die Chamäleons unter den Mitgliedern ihres jeweiligen Ensembles. Sie geben zwar das Tempo vor und halten daran bei Bedarf eisern fest. Aber besonders sie müssen sich gleichzeitig auch anpassen können, müssen die Klangfarbe und die Akzente wechseln, wenn das Arrangement oder der Song es erfordern. Und sie müssen stilistisch vielseitig sein. Zudem können sie sich nicht irgendwo in den Tiefen des Arrangements verstecken. Sie sind immer präsent und stets hörbar, kennen kaum Pausen und dürfen auch dann die Kontrolle nicht verlieren, wenn die Bläsersätze der Bigband schweigen oder der Solist zusammen mit der Rhythmusgruppe und den Keyboards ein kammermusikalisches Intermezzo einfügt.

          Viele berühmte Bigbands verdanken ihren langjährigen Schlagzeugern einen wesentlichen Teil des Renommees. Gene Krupa war das Energiezentrum vieler Bands, vor allem aber des Orchesters von Benny Goodman, dem er mit seinen gigantischen Soli zusätzliche Attraktivität verlieh. Jo Jones war das swingende Element im Count Basie Orchestra, in dem er neben anderem auch das Spiel auf der Hi-Hat revolutionierte. Chick Webb, Sonny Greer, Sidney Catlett, Shelly Manne, Buddy Rich und Mel Lewis, sie alle haben den Bigbands, an deren Schlagzeug sie saßen, prägende Konturen verliehen. Das gilt auch für Jean Paul Höchstädter, der nunmehr schon seit 2007 fest der HRBigband angehört und hierzulande zu den versiertesten Schlagzeugern großer Jazzorchester zählt.

          Umfassende musikalische Bildung

          Höchstädter weiß, dass man in Bigbands besondere Fähigkeiten haben oder kultivieren muss: Notenlesen beispielsweise. Man muss diese merkwürdigen Striche und Zeichen in geschriebenen Arrangements deuten und in Rhythmen verwandeln können. Der böse alte Witz, es gebe Musiker und Schlagzeuger, hat Drummer in Bigbands nie betroffen. Eine umfassende musikalische Bildung gehört zu ihrem selbstverständlichen Rüstzeug. Noch wichtiger freilich ist einem Musiker wie Höchstädter etwas, vor dem Schlagzeuger in Combos großen Respekt haben und bisweilen auch zurückschrecken: „Man muss lernen, mit den Bläsern zu phrasieren, mit ihnen zusammen zu sein. Im Grunde muss man mit den Bläsern atmen und alles, was sie spielen, auch singen können.“ Erst dann entwickele sich jenes schlafwandlerische Rhythmusgefühl, das in einer guten Bigband herrscht.

          Auch in dieser Hinsicht kann sich die HR-Bigband auf ihren Schlagzeuger, seine stilistische und technische Variabilität sowie sein präzises Timekeeping verlassen. Das alles hat der aus Nürnberg stammende, in Würzburg und Berlin diplomierte Höchstädter in unterschiedlichsten internationalen Combos und mehr als einem Dutzend Bigbands gelernt, ehe er nach Frankfurt kam. Auch heute noch nimmt er die Gelegenheit wahr, in anderen Formationen, wie der Combo Axel Schlossers, zu spielen. Er lässt den Draht zur Szene nicht abreißen und erhält sich das Gefühl für das freiere Spiel in kleineren Zusammensetzungen, was wiederum der Bigband und ihren unterschiedlichen Projekten zugutekommt.

          Gerade für die Breite des stilistischen Repertoires ist Höchstädter im Übrigen der richtige Mann. Mit den Perkussionisten der brasilianischen Sängerin und Pianistin Tânia Maria vermag er ein ebenso lustvolles Rhythmusfeuerwerk zu zünden, wie er zusammen mit dem Bassisten Thomas Heidepriem der Saxophonschlacht zwischen Branford Marsalis und Tony Lakatos die pulsierende Basis liefert. In all diesen unterschiedlichen Formen äußert sich eine musikalische Qualität, die Alfred Brendel einst bei großen Pianisten erkannte: Das Klavierpedal haben sie nicht mit den Füßen, vielmehr mit den Ohren getreten. Gut für die HR-Bigband, dass Höchstädter auf ähnliche Weise sein Instrument spielt und mit den Ohren trommelt.

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