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Jazzmusiker Garbarek : Ein Hoch auf alte Tugenden

  • -Aktualisiert am

Selbstversunken am Werk: Jan Garbarek im Rüsselsheimer Theater Bild: Wonge Bergmann

Jan Garbarek gilt seit Jahrzehnten als eine Art Legende. Kein Wunder, dass er und seine Kollegen im Theater Rüsselsheim für Jubel sorgen.

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          Seit Dekaden zählt Jan Garbarek zu den erfolgreichsten Künstlern der europäischen Jazzszene. Sein kristalliner Ton speziell auf dem Sopransaxophon und seine vergleichsweise ruhigen, melodiösen Kompositionen prägten schon in den siebziger Jahren maßgeblich das Bild der Fjord-Romantik im norwegischen Jazz. Bis Ende der neunziger Jahre veröffentlichte Garbarek 25 Alben unter seinem Namen beim Münchener Label ECM, die aufgrund ihrer introvertierten Klänge teils sogar der New Age-Musik zugerechnet wurden. Andererseits ließ er sich immer wieder von skandinavischem Folk inspirieren. Daneben spielte Garbarek bei diversen Produktionen von Keith Jarrett und anderen Jazzgrößen, eine Zeitlang auch mit dem Brasilianer Egberto Gismonti und indischen Musikern wie Zakir Hussein und L. Shankar. Im März hat Garbarek seinen siebzigsten Geburtstag gefeiert, seine jüngsten Aufnahmen stammen von einem Konzert in Dresden im Oktober 2007, die zwei Jahre später erschienen.

          Der Auftritt nun im ausverkauften Theater Rüsselsheim knüpft an das damalige Konzert an, mit einer maßgeblichen Umbesetzung in der Band. Statt Manu Katché spielt nun Trilok Gurtu Schlagzeug und Perkussion. Garbareks Verbindung zu dem 1951 im damaligen Bombay geborenen Ausnahmetrommler reicht zurück bis in die späten achtziger Jahre, war damals allerdings nicht besonders intensiv. Obwohl Gurtu schon lange in Europa lebt und unter anderen mit John McLaughlin arbeitete, ist er lediglich als Tabla-Spieler in einem Stück von Garbareks Album „Visible World“ zu hören. Heute kommen Gurtus charakteristische Patterns, Breakbeats und Polyrhythmen auf ungewöhnlichem Schlagzeug-Set, indischen Tablas, Conga und vielem mehr live umso markanter zur Geltung.

          Magische Momente in zwei Duetten

          Die Dynamik des Perkussionisten, der bisweilen melodische Themen klangvoll mit- oder umspielt, scheint den Bandleader zu beflügeln. Die magischsten Momente des Konzerts entwickeln Gurtu und Garbarek in zwei längeren Duetten. Unvermittelt gibt Garbarek seine distinguierte Haltung auf, moduliert auf Sopran- oder Tenorsaxophon weite Spannungsbögen, lange Notenketten und sprunghafte Phrasierungen, die ungeahnte Energie ausstrahlen. Auf dem beinahe ekstatischen Höhenpunkt streut Garbarek sogar tiefe Töne und scharfe Überbläser ein, während Gurtu wirbelt, was sein Equipment hält.

          An der Seite solcher Persönlichkeiten, deren individuelle Spielweise unverkennbar ist, können die meisten Begleiter nur verblassen. Rainer Brüninghaus, schon seit dreißig Jahren mit Garbarek unterwegs, wirkt an Flügel und E-Piano souverän und zeigt in einigen Soli ebenso Fingerfertigkeit wie Potential für kraftvolle Steigerungen. Yuri Daniel, 1966 in Brasilien geboren und nach einem Stipendium in Lissabon geblieben, war als Nachfolger von Eberhard Weber schon in Dresden dabei. Selbstverständlich fehlt es dem E-Bassisten nicht an Tempo und Präzision. Häufig spielt er Melodien Garbareks parallel mit, bisweilen zupft er die Saiten fast wie ein Gitarrist. Seine knalliges Slap-Solo wirkt allerdings ziemlich aus der Zeit gefallen.

          Im Laufe des mehr als zweistündigen Programms blitzen mehr oder weniger deutliche Funkjazz-Grooves auf, auch Einflüsse aus Südamerika oder Indien, etwa in einigen Klavierphrasen oder den von Gurtu intonierten Tala-Melismen. Insgesamt hält das Quartett alte Tugenden hoch, entwickelt aber kaum neue Perspektiven. Die Avantgarde von vorgestern ist heute längst Mainstream, virtuoses Handwerk gehört zum Allgemeingut und ist keine künstlerische Aussage an sich. Nicht zuletzt dank einiger vorhersehbarer Clownerien, die zuverlässig wie Slapstick-Einlagen im Film das dankbare Publikum amüsieren, definieren sich Garbarek und seine Begleiter heute vor allem als Entertainer. Zweifellos auf hohem Niveau, aber auch über weite Strecken routiniert und solide.

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