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Jazz-Legende Emil Mangelsdorff : In den Jazzclub statt zur Hitlerjugend

Mittlerweile ist der Frankfurter Jazzmusiker Emil Mangelsdorff 86 Jahre alt - Auftritte vor jungen Leuten sind ihm eine Herzensangelegenheit Bild: Wonge Bergmann

Als Emil Mangelsdorff begann, sich für Jazz zu begeistern, hatten den die Nazis längst verboten. Das kümmerte den jungen Mann wenig. Heute berichtet er Schülern davon, wie er die Musik dem Gehorsam vorzog.

          Mittlerweile ist der Frankfurter Jazzmusiker Emil Mangelsdorff 86 Jahre alt. Den Schülern der Europäischen Schule in Praunheim muss er als ein Wesen aus einer anderen Zeit erscheinen. Ein Mann, der von der Gestapo einbestellt und verhört wurde. "Was ist das eigentlich, Gestapo?", fragt gestern ganz am Ende der Zeitzeugen-Veranstaltung in der Aula der Schule ein Junge.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Jenes Dritte Reich, in dem junge Menschen wie Mangelsdorff verfolgt wurden, nur weil sie nicht Marschmusik, sondern Jazz hören wollten, erscheint den Schülern wohl wie eine graue Urzeit. "Warum haben die Nazis Jazz verboten?", will eine Schülerin von Mangelsdorff wissen. Ja, warum eigentlich? Gewiss, die Nationalsozialisten sahen diese Musik als "entartet" an, als "Negermusik", die nur von "rassisch Minderwertigen" gespielt und geschätzt wurde.

          Der individuelle Ausdruck

          Aber es gibt einen noch tieferen Grund für die Abscheu der Nationalsozialisten vor dieser Kunstform. Der Saxophonist Mangelsdorff nennt ihn indirekt, wenn er von seiner Begeisterung für diese Art von Musik spricht. Jazz, so sagt er seinen 200 Zuhörern, ermögliche einen "individuellen Ausdruck". Das ist der entscheidende Punkt. Das NS-Regime wollte keine Menschen mit Individualität, es wollte eine konforme Masse. Mangelsdorff zitiert aus einer Rede Hitlers, in der dieser rühmte, dass in seinem Reich die jungen Menschen von Jugend an in nationalsozialistischen Organisationen erfasst und geformt würden. "Und sie werden nicht mehr frei ihr ganzes Leben lang", schloss Hitler seine Rede damals.

          Mangelsdorff aber wollte als junger Mann nicht einfach nur noch gehorchen. Er war auf Freiheit aus. Der Jazz, der den Musikern mit seinen Improvisationen die Freiheit bot, sich auszudrücken, hatte ihn deshalb instinktiv angezogen. Es war die Stimme von Louis Armstrong, zu hören auf Radio Luxemburg, die ihn damals zum ersten Mal in den Bann gezogen hat. Danach war er dem Jazz verfallen - und ist es heute noch.

          "Der Jazz ist nicht tot", verkündet Mangelsdorff den Schülern. Er selbst ist der beste Beweis dafür. Auf seinem Saxophon improvisiert er auf ein Thema seines großen Kollegen Charlie Parker. Danach ist er für die Schüler kein Mann aus grauer Vorzeit mehr, sondern ein toller Musiker, der sein Instrument beherrscht wie nur wenige. "Ich übe fleißig, habe immer zu tun, und die Musik macht mir immer noch Spaß", sagt er. Wer einmal eines einer Konzerte im Holzhausen- schlösschen gehört hat, wo diese lebende Legende des Jazz seit 16 Jahren jeden ersten Montag im Monat auftritt, kann das nur bestätigen.

          Auftritte vor Jugend ein Herzensanliegen

          Doch Mangelsdorff ist nicht in die Europäische Schule gekommen, um ein Konzert zu geben, sondern um über die Nazi-Zeit zu berichten. Solche Auftritte sind ihm ein Herzensanliegen. Häufig ist er in den vergangen Jahren mit seinem Freund Fritz Rau, dem großen Konzertveranstalter, vor Schulklassen getreten. Mangelsdorff erzählte, warum er bei der verbotenen Swing-Jugend war, Rau dagegen, warum er Hitlerjunge geworden ist. Zusammen bilden sie ein unschlagbares Duo.

          Auch wenn der Saxophonist hier in Praunheim allein auftritt, hat er genug zu erzählen von jener, wie er sagt, autoritären Zeit, in der die Menschen von oben diktiert bekommen hätten, was sie zu denken und zu tun hätten. Mangelsdorff hatte anders als viele andere das Glück, dass er in einer antifaschistischen Familie aufwuchs und dass er den Jazz entdeckte. Mit Gleichgesinnten hat er als Jugendlicher heimlich die Platten der amerikanischen Jazzgrößen gehört. Diese Musik, die er liebte, hat ihn resistent gegen den herrschenden Rassismus gemacht. Denn unter den großen Jazzmusikern waren Schwarze, Juden und Zigeuner. Wer so intelligente Musik macht, dies wurde dem jungen Mangelsdorff damals sofort klar, kann nicht minderwertig sein.

          Abscheu etwas ganz Selbstverständliches

          Sieben Jahrzehnte später stilisiert sich Mangelsdorff nicht zum Helden. Ja, er ist von der Gestapo in deren Hauptquartier in die Lindenstraße vorgeladen worden, drei Mal sogar. Und sie haben ihn vierzehn Tage in Haft gesteckt. Aber nie würde Mangelsdorff von sich behaupten, dass er ein Widerstandskämpfer gewesen sei. Er war gegen das Regime, er war gewiss auch rebellisch und wollte sich nicht vorschreiben lassen, welche Musik er zu hören habe. Sein Abscheu gegen die Nazis ist bei ihm etwas ganz Selbstverständliches, fast etwas Natürliches.

          Deshalb geht er trotz seines hohen Alters immer noch in die Schulen. Und jetzt, nach dem Bekanntwerden der Mordtaten der rechtsradikalen Terrorgruppe "Nationalsozialistischer Untergrund", fühle er sich noch mehr verpflichtet, etwas zu tun. Mangelsdorff glaubt an die Macht der Aufklärung: "Man muss den Jungen in den Nazi-Stiefeln sagen, was damals war", sagt er in Praunheim. Ob die Schüler der Europäischen Schule nach dieser Lektion aufgeklärt sind? Zumindest wissen sie jetzt, was die Gestapo ist und dass die Freiheit, Musik zu hören, die einem gefällt, nicht selbstverständlich ist.

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