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Jazz im Krieg : Die einfachen Soldaten wollten Swing, die Offiziere Schmalz

  • -Aktualisiert am

Jazz in den "barracks": In den GI-Clubs der Besatzungstruppen fand nach dem Krieg die musikalische Verbrüderung zwischen amerikanischen und deutschen Musikern statt.

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          Jazz in den "barracks": In den GI-Clubs der Besatzungstruppen fand nach dem Krieg die musikalische Verbrüderung zwischen amerikanischen und deutschen Musikern statt

          Fast jeder ältere Jazzmusiker der Rhein-Main-Region kann Geschichten über die US-Army-Clubs erzählen, in denen man so direkt wie kaum sonstwo mit der amerikanischen Musikkultur konfrontiert wurde. Albert Mangelsdorff begann seine Karriere 1947 in einem dieser Clubs im Bad Sodener Kurhaus, als Rhythmusgitarrist der Otto-Laufner-Bigband. Er berichtet von den Sessions bei Lippmanns, im Hotel Continental am Hauptbahnhof, die bis in die frühen Morgenstunden gingen und bei denen immer auch amerikanische Musiker mitwirkten. Gleich nach seinem Einstieg in die legendäre Joe Klimm Combo trat er in einem schwarzen GI-Club in Bonames auf. Für ihn wie für viele andere Frankfurter Musiker war die Nähe der Amerikaner ein Glücksfall, die Chance, amerikanische Kultur hautnah zu erleben. Der deutsche Jazz ist nicht denkbar ohne die Kontakte, die Deutsche und Amerikaner insbesondere in der direkten Nachkriegszeit zusammenbrachten und die deutschen Musiker durch eine Art musikalische Lehre gehen ließen.

          Man hatte eine jazzmusikalische Durststrecke hinter sich. Coleman Hawkins, Benny Carter, Louis Armstrong, Duke Ellington, die alle in den dreißiger Jahren in Europa spielten, machten um Deutschland einen großen Bogen. Jazz wurde nach 1933 zur verbotenen Kunst. Man lernte ihn, wenn überhaupt, nur noch durch Schallplatten kennen. So waren die musikalischen Kontakte zwischen Siegern und Besiegten nach dem Krieg eine ganz neue Erfahrung. Amerikanischer Jazz war wieder im Radio zu hören, man konnte Schallplatten kaufen, die Musik im Konzert erleben. Amerikanische Militärkapellen, in denen oft hervorragende klassische Musiker wie Jazzmusiker mitwirkten, spielten nicht nur bei armeeinternen, sondern oft auch bei öffentlichen Anlässen für die deutsche Bevölkerung.

          Daß Frankfurt nach dem Krieg zur deutschen Jazzmetropole wurde, hängt nicht zuletzt mit der strategischen Position der Stadt im besetzten Deutschland zusammen. Das Hauptquartier der amerikanischen Streitkräfte war im Poelzig-Bau untergebracht, dem ehemaligen I.G.-Farben-Hochhaus, heute Universität, das als General Creighton W. Abrams Building zum Hauptquartier der 5. amerikanischen Armee, zum "europäischen Pentagon" wurde. Es gab unzählige Kasernen in und um Frankfurt, und es gab seit Kriegsende die Rhein-Main Air Base als wichtigsten Luftumschlagplatz für die Versorgung der amerikanischen Besatzungsmacht.

          Die amerikanische Armeeverwaltung hatte schon während des Kriegs darauf geachtet, ihren Soldaten auch eine moralische Unterstützung zukommen zu lassen, die vor allem darin bestand, ihnen den Dienst im feindlichen oder besetzten Land so annehmlich wie möglich zu machen. Zuständig hierfür waren die dem Kriegsministerium untergeordneten Special Services. Zu ihren Aufgaben gehörte die Organisation von Filmvorführungen, Bühnenshows mit Größen des amerikanischen Entertainments (die legendären USO Shows), aber auch die Unterhaltung der Army-Supermärkte, der sogenannten post-exchanges (PX), die Organisation von Sportveranstaltungen und das musikalische Programm in den zahlreichen GI-Clubs der Kasernen.

          Alle Bereiche des deutschen Kulturlebens in den besetzten Gebieten waren nach dem Krieg von der Militärregierung abhängig. Ob man ein öffentliches Konzert plante, ein Buch, eine Broschüre oder auch nur ein Ankündigungsplakat drucken lassen wollte - man mußte zuerst eine Genehmigung der Militärregierung einholen. Amerikanische Offiziere achteten darauf, daß keine Militärmärsche erklangen oder andere Musik, die zuvor irgendwie nationalsozialistischen Zwecken gedient hatte. Solch einen Verdacht erregten die Jazzer nun gewiß nicht. Als Carlo Bohländer, eines der Gründungsmitglieder des Frankfurter Hot Clubs, am 17. Mai 1945, eine Woche nach Waffenstillstand, zu den Besatzungsbehörden ging, um die Genehmigung für ein Jazzkonzert zu beantragen, erhielt er diese, nachdem die prüfenden Offiziere das Konzertprogramm in Augenschein genommen hatten, das ausschließlich bekannte Swinghits enthielt. "Die wußten, daß wir das nicht in acht Tagen gelernt hatten", erzählt Bohländer. "Die wußten genau, das sind keine Nazis gewesen."

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