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Janáčeks Oper : Standardisiert wie ein Püppchen

Kein Puppenheim: Die alte Kabanicha (Gundula Hintz, Dritte von links) pflegt ein antiquiertes Frauenbild. Bild: Andreas Etter

Es ist eine Auflehnung gegen die Bigotterie. Lydia Steiers Inszenierung von Janáčeks Oper „Kátja Kabanová“ im Staatstheater Mainz birgt eine unerwartete Würze.

          Die räumliche und geistige Enge in der Kleinstadt Kalinov wird sofort spürbar: Sehnsüchtig blickt die Protagonistin der Oper „Kátja Kabanová“ aus dem Fenster ihres kleinen Häuschens. Die Weite der Landschaft am Ufer der Wolga ist nicht nur in ihrer Wahrnehmung ein Trugbild, sondern bald auch für die Zuschauer im Staatstheater Mainz nur als schöne Kulissenmalerei erkennbar. Denn die Regisseurin Lydia Steier, die ihre 2012 am Oldenburgischen Staatstheater entstandene Inszenierung nun in Mainz neu aufgearbeitet hat, erzählt Leoš Janáčeks Oper in dem vordergründig realistischen, aber auch innere Vorgänge verdeutlichenden Bühnenbild von Flurin Borg Madsen aus der Perspektive der Titelfigur. Angesiedelt ist alles wirklichkeitsnah im 19. Jahrhundert in Russland oder jedenfalls auf osteuropäischem, orthodox geprägtem Gebiet, wie an Kleidung und Trachten (Kostüme: Ursula Kudrna) deutlich wird.

          Guido Holze

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Das Schicksal der Titelfigur rückt so werkgerecht und in der intensiven Darstellung von Ensemblemitglied Nadja Stefanoff ganz in den Fokus. Samt ihrem Mann Tichon (rollendeckend: Alexander Spemann) wird sie von dessen Mutter, der alten Kabanicha, rabiat gegängelt, was Gundula Hintz mit dominantem Auftreten und dem von Janáček intendierten keifenden Tonfall als wahre Matrone vorführt. Geschickt zeigt die Inszenierung, dass sich Kátja durchaus bewusst ist, dass sie von der Kabanicha in ein überkommenes Frauenbild hineingepresst werden soll: unfrei, gehorsam, tugendhaft, standardisiert wie ein Püppchen. Dazu ist ein stummes Kinder-Double Kátjas zu sehen, das im Aussehen den Puppen entspricht, die Arbeiterinnen unter der Fuchtel der Kabanicha fabrikmäßig fertigen – ein Motiv übrigens, das vor kurzem ganz ähnlich in Steiers Inszenierung von Tschaikowskys Einakter „Iolanta“ an der Oper Frankfurt wiederkehrte.

          Realistische Bilder werden zu surrealistischen Erscheinungen

          Dass sich Kátja in Abwesenheit ihres Manns dem vornehmeren und gebildeten Moskauer Boris (darstellerisch treffend, in der Premiere aber mit eingeschnürtem Tenor: Steven Ebel) zuwendet, wird so auch als Ausbruchsversuch verständlich. Eine zusätzliche Würze bringt Steier in die Dreiecksgeschichte, indem sie zeigt, dass die alte Kabanicha selbst ein Verhältnis mit dem Kaufmann Dikoj (mit imposantem Bass: Derrick Ballard), also mit dem Onkel von Boris, hat und wie viele andere bigotte Dorfbewohner sich in der Dunkelheit mit dem Segen des Popen ihren Begierden hingeben. In Kátjas Geständnis ihres Fehltritts liegt aus deren Sicht womöglich ihr eigentliches Vergehen, und musikalisch gipfelt darin alles.

          Nadja Stefanoff zeichnet dazu auch stimmlich Kátjas Entwicklung nach: vom weichen, empfindsamen Ton des Anfangs hin zur dramatischen Kraft und Verzweiflung vor ihrem Selbstmord. Die realistischen Bilder wenden sich da in surrealistische Erscheinungen ihres Inneren: Die Chorsängerinnen etwa bewegen sich in der gleichen Tracht wie sie, wie Zombie-Doubles ihrer selbst oder wie die lebendig gewordenen Puppen der Manufaktur. Der ganze idyllische Kleinstadt- und Bühnenschwindel fliegt somit am Ende auf.

          Das Philharmonische Staatsorchester Mainz zieht – der oft sehr buntscheckigen Intonation zum Trotz – die großen dramatischen Linien unter der Leitung von Kapellmeister Paul-Johannes Kirschner kräftig. Das Unheilvolle und Bohrende des ständig wiederkehrenden Paukenmotivs bekommt von Beginn an große Bedeutung und Präsenz. An den entscheidenden Stellen entsteht eine starke Sogwirkung.

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