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Jan Neumanns „Aus Staub“ : In meiner Mutter Wohnung sind viele Mieter

Haus der deutschen Geschichte: Es muss Staub gewischt werden. Bild: Felix Grünschloß

Altstadt, Krieg, Erinnerung: Mit der Uraufführung von „Aus Staub“ ist der Autor und Regisseur Jan Neumann in die Frankfurter Kammerspiele zurückgekehrt.

          Sie reden aneinander vorbei: die Mutter und ihr Sohn Wolfgang. Vor Jahren wollte sie nicht reden, als er sie nach seinem Vater fragte und wissen wollte, ob sie in der NSDAP gewesen sei. Nun, da Wolfgang aus Sorge um sie aus Berlin herbeigeeilt ist, obwohl er als Lehrer dort mittlerweile ganz andere Sorgen hat, fließt ihr der Mund über: Der verschwundene Vater sei in der Waffen-SS und sie überglücklich gewesen, als sie den Staub aus dem Auspuff des Führerautos einatmen durfte.

          Claudia Schülke

          Freie Autorin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Es ist zu spät. Wolfgang ist mit seinen Gedanken woanders, hört nicht mehr hin, sondern redet seinen eigenen Text. Nach dem Tod der Mutter und seinem Wiedereinzug in die Elternwohnung als Pensionär werden ihm dafür die Worte fehlen: Die Demenz lässt sich nicht mehr aufhalten, auch wenn die Bilder der Erinnerung an sein früheres Leben immer noch in ihm sind.

          Pünktlich zur Eröffnung der neuen Altstadt

          Bei Regisseur Anselm Weber sei er als Schauspieler erwachsen geworden, sagte Jan Neumann vor 13 Jahren. Für diese Spielzeit hat Weber, nunmehr Frankfurter Schauspielintendant, ihm einen Auftrag zur Stückentwicklung erteilt, und der Schauspieler, Regisseur und Autor hat geliefert: Pünktlich zur Eröffnung der neuen Altstadt erzählt Neumann mit seinem Ensemble, wie Frankfurt nach 1945 aus dem Staub der Kriegstrümmer gebacken wurde. „Aus Staub“ heißt denn auch die Uraufführung in den Frankfurter Kammerspielen, die sich darüber hinaus an das Spielzeitmotto hält: „Wie sind wir geworden und wo waren die großen Umbrüche, deren Auswirkungen wir bis heute erleben?“ In einer Wohnung im Haus Schubertstraße 45 finden diese Umbrüche statt, vom ersten Einzug im Jahr 1950 bis zum letzten Auszug am 27. August 2018.

          Gemeinsam mit drei Schauspielern und drei Schauspielerinnen hat Neumann im Institut für Stadtgeschichte und im Deutschen Architekturmuseum recherchiert und danach improvisiert, bis sich aus der Collage unterschiedlicher Umbrucherfahrungen ein roter Faden durch das Labyrinth der historischen Erzählräume ergab: Alle Bewohner der Wohnung waren kommunikationsgestört. Der italienische Arbeiter kann kein Deutsch, die feministische Soziologiestudentin quasselt ihre lesbische Partnerin nieder, der schlaflose Geschäftsmann verschläft nach einer Therapiesitzung die Attentate vom 11. September, der Vater, der nach der Wende in Cottbus als Sparkassenfilialleiter Karriere machen will, kann seine Familie nicht davon überzeugen, dass das Leben dort besser sein wird als im Frankfurter Westend.

          Elegante Übergänge von Szene zu Szene

          Die Bühnenbildnerin Dorothea Curio hat eine Wohnung mit vielen Türen geschaffen, die elegante Übergänge von Szene zu Szene ermöglichen und sich schließlich zu Wolfgangs Gedächtnisräumen hin öffnen: Bilder ohne Worte. Etwa wenn die tote Gattin unter dem ewigen Brautschleier ihre dritte Schwangerschaft verkündet, dann aber das Kind verliert und von einem gehörnten Tod umfangen und weggeschleppt wird. Unter dem Schleier steckt Friederike Ott, die erzählend in das Stück einführt. Wer weiß denn heute noch, dass am 18. Oktober 1945 die Frankfurter Trümmerverwertungsgesellschaft gegründet wurde? Dass sich „am 23. Mai 1949 um 7.49 Uhr auf dem Gelände dieser TVG ein Lastwagen in Bewegung setzt, der Ziegelbetonhohlblocksteine geladen hat, hergestellt aus dem Schutt und Staub, der einmal die Stadt Frankfurt gewesen ist“? Mit diesen Worten geht die Geschichte des Wiederaufbaus in die Stückentwicklung über. Ott verbindet Historizität und Fiktion als Wolfgangs alternde Mutter mit einem immer wieder selbstgebackenen Napfkuchen und stellt so Kontinuität her. Nicht ganz klar wird allerdings, ob sie wirklich durchgängig in der Wohnung gelebt hat und wann dann noch Zeit und Raum für die anderen Mieter blieb.

          Altine Emini, Sebastian Kuschmann, Sebastian Reiß, Uwe Zerwer und Julia Staufer aus dem Studiojahr Schauspiel teilen sich die Rollen. Nach knappen zwei Stunden braust Applaus auf, den alle verdient haben. Autor und Regisseur Neumann, der schon unter der Intendanz Elisabeth Schweegers beeindruckende Produktionen in den Frankfurter Kammerspielen aufgeführt hatte, ist erfolgreich zurückgekehrt: als Hausregisseur des Deutschen Nationaltheaters Weimar. Darüber sollte der Frankfurter Intendant mal nachdenken.

          Nächste Vorstellungen am 8. und 26. Oktober von jeweils 20 Uhr an

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