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Reden verboten! : Schweigekloster statt Hamsterrad

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Stressfrei: Jan Britzwein hat sich im Vogtland den Mund verboten. Bild: Frank Röth

Ein Psychologiestudent begibt sich zehn Tage in ein buddhistisches Kloster im Vogtland. Seine Aufgabe dort: Stundenlange Meditationen in absoluter Stille. Wie hat er das ausgehalten?

          Der siebte Tag im Schweigekloster ist der schlimmste. Der Schmerz im Rücken wird zum Stechen, die Gedanken schweifen ab, die Zeit scheint stillzustehen. In der Mitte der großen Halle wiederholt die Lehrerin mantraartig ihre Anleitungen: „Konzentrieren Sie sich nur auf Ihren Unterarm.“ Jan Britzwein öffnet die Augen. Zur Tür des Klosters sind es nur wenige Schritte, er könnte seine Sachen packen, einfach nach Hause fahren. Der Wille zum Durchhalten ist stärker. Tief einatmen und weitermachen – irgendwann ist der Schmerz verflogen.

          Zwei Wochen zuvor sitzt Britzwein mit einer Freundin in einem Bornheimer Café, die beiden beobachten Passanten auf der Berger Straße. „Viele wirkten gestresst“, erinnert er sich. Seine Bekannte erzählt von ihrer Indien-Reise, von Stränden, Tempeln und Verkehrschaos. Irgendwann kommt sie auf das Thema Schweigekloster zu sprechen. Zehn Tage verbrachte sie in einem Vipassana-Meditationszentrum im Norden Indiens.

          Schlabberhose statt Anzug

          Britzwein hört fasziniert zu. Ganz neu ist ihm das Thema nicht. Für seine Bachelorarbeit befasst sich der 23 Jahre alte Psychologiestudent mit einer aus dem Buddhismus stammenden Theorie zum Thema Mitgefühl, beinahe täglich praktiziert er Yoga. „Ich habe mir keine Erleuchtung im Kloster erhofft, mich trieb eher die Neugierde.“

          Unbelastet von Stress war der gebürtige Flörsheimer vor der Zeit im Kloster aber selbst nicht: Ein halbes Jahr zuvor hatte er ein sechsmonatiges Praktikum in einer Frankfurter Großbank in der Personalabteilung abgebrochen. Seitdem hat er sich nicht mehr die Haare schneiden lassen. Den Anzug tauschte er gegen eine Schlabberhose mit Elefantenmotiv aus. Und er läuft seitdem gern barfuß. „Viele Kollegen waren komplett überlastet, durch den hohen Druck herrschte eine rauhe Atmosphäre“, erzählt er. Britzwein entschließt sich, Neues zu erleben, aus dem „Hamsterrad“ auszubrechen, wie er sagt. Dann hört er die Geschichte der Freundin aus Indien–und noch am selben Abend ist das Kloster gebucht.

          „Zweckbauten mit Jugendherbergs-Flair“

          Per Mitfahrgelegenheit geht es ins südliche Sachsen. Denn auch dort hat die indische Organisation eine Dependance. Nach Kloster und Buddhismus sieht das Gelände im Vogtland aber nicht aus. „Zweckbauten mit Jugendherbergs-Flair, die Halle sah eher nach Scheune als nach Kloster aus“, so beschreibt Britzwein den ersten Eindruck.

          Am Eingang werden die Handys einkassiert. Weder zum Internet noch zu anderen Medien wird der Student in den nächsten Tagen im Kloster Zugang haben. Selbst das Lesen und Schreiben ist tabu. „Komplette Isolation, wie in einer Blase.“

          Im Dorf lauert die Gefahr

          Der Tagesablauf im Kloster ist streng. Um vier Uhr früh klingelt der Wecker. Nach zwei Stunden Meditation im Morgengrauen gibt es Frühstück, danach wird bis zum Mittagessen weiter meditiert. Auch am Nachmittag: stundenlange Meditation, währenddessen Totenstille. Um 21.30 Uhr herrscht Nachtruhe. „Ein straffer Zeitplan“, sagt Britzwein. Lediglich für kurze Spaziergänge im Wald haben die Teilnehmer Zeit. Ins nahe gelegene Dorf trauen sie sich nicht – dort lauert die Gefahr, angesprochen zu werden.

          Die Teilnehmer sind für Britzwein eine Überraschung. „Den typischen Gast im Schweigekloster habe ich mir als mittelalten Banker in der Midlife-Crisis vorgestellt“, sagt Britzwein und lacht. Viele der mehr als hundert Leute sind aber in seinem Alter: Studenten und Berufseinsteiger, die auf Empfehlung von Bekannten hergekommen sind. Das erfährt Britzwein allerdings erst am letzten Tag, wirklich kennen lernt er seine Zimmerkollegen nämlich nicht. Kontakt untereinander ist verboten. Die Teilnehmer dürfen sich weder morgens zunicken noch beim Mittagessen aufmunternd zulächeln. „Nonverbale Konversation war tabu.“

          Schneidersitz, aufrechte Position, Augen geschlossen

          Erst später erfährt Britzwein, dass eine Handvoll Klosterschüler schon nach dem ersten Tag aufgegeben hat. „Auch wird strikt nach Geschlecht getrennt“, berichtet er. Mit einer hübschen Dame an der Seite sei es natürlich schwieriger, seine Gedanken nicht abschweifen zu lassen.

          Die tägliche Dauermeditation läuft so ab: Schneidersitz, aufrechte Position, die Augen geschlossen. Nach und nach versuchen die Teilnehmer alle Gedanken auszublenden und sich nur auf eine ganz bestimmte Körperstelle zu konzentrieren. Stundenlang verharren sie in dieser Position, irgendwann treten Schmerz und Krämpfe ein. „Es geht darum, Schmerz bewusst zu erleben, anstatt ihn zu verdrängen“, sagt Britzwein.

          Glückshormone am zehnten Tag

          Was sich nach Folter anhört, sei „eher eine Sache der Disziplin“, sagt er. Das Ziel ist es, eine Art Gleichmut und Gelassenheit zu entwickeln, sich nicht von körperlichem Empfinden lenken zu lassen. „Die Meditation zehrt an den Kräften“, sagt der Student. Da er sich kaum bewegt, aber trotzdem viele Kalorien verbraucht, kann er zusehen, wie er über die Tage hinweg an Gewicht verliert. Am zehnten und letzten Tag fühlt sich Britzwein, als wäre er „auf Drogen“, so viele Glückshormone schüttet sein Körper aus.

          Vor der Rückkehr in die „reale Welt“ darf wieder gesprochen werden, Britzwein tauscht sich mit den Leitern aus. Zurück in der Großstadt verblasst das Glücksgefühl langsam, die Hektik des Alltags kehrt zurück. „Nach einer Weile platzt die Blase“, beschreibt er die Phase der Rückkehr. Trotzdem ist etwas geblieben: Morgens und abends meditiert Britzwein jeweils eine Stunde täglich. „Ich habe zum Beispiel gelernt, viel gelassener mit Stress umzugehen.“ Viele Bekannte zeigten sich neugierig, schon oft hat er seine Erlebnisse geteilt. Nächstes Jahr möchte Britzwein wieder ins Schweigekloster gehen – dann vielleicht in Indien.

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