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Literaturhaus Frankfurt : In Zimmer 313

Die französische Schriftstellerin Jakuta Alikavazovic liest im Frankfurter Literaturhaus aus ihrem Roman. Bild: Maia Flore

Die französische Schriftstellerin Jakuta Alikavazovic stellt im Literaturhaus Frankfurt ihren Roman „Das Fortschreiten der Nacht“ vor. Das Buch handelt von Erfahrungen der Bedrohung, der Unsicherheit, des Todes, der Belagerung und der Schmerzen.

          Ach, Sie glauben noch daran, dass die Wirklichkeit so ist, wie sie ist? Hier fährt laut die Müllabfuhr vorbei, dort knurrt dem Kollegen auf dem Gang zur Kantine der Magen, bald kommen die Kinder aus der Schule, und alles geht seinen gewohnten Gang? Sie müssten es besser wissen.

          Florian Balke

          Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Nach mehr als einem Jahrhundert literarischer Avantgarde und einer Reihe von Jahren, die der einen oder anderen westeuropäischen Gewissheit den Boden unter den Füßen weggezogen haben, vom leise vor sich hin tröpfelnden Gletschereis in Grönland bis zur weit um sich greifenden Verachtung für Europäische Union und Nordatlantikpakt. Hinter dem, was geschieht, vollzieht sich derzeit gerne noch etwas anderes, Wichtigeres. Und da haben wir vom Imaginären, von Träumen, Albträumen und Traumata, noch gar nicht geredet.

          Die Frau von Zimmer 313

          „Das Wirkliche ist eine Täuschung“, heißt es zu diesem Punkt in „Das Fortschreiten der Nacht“, dem Roman, den die französische Schriftstellerin Jakuta Alikavazovic am Montag in Frankfurt vorstellt. Dabei beginnt das Buch durchaus in einer Welt, die den Alltagserfahrungen durchschnittlicher Franzosen entspricht.

          Der Student Paul arbeitet in einem Hotel und ist von Amélia fasziniert, der Frau von Zimmer 313. Rätselhaft erscheint sie ihm, mysteriös wirkt ihr Kommen und Gehen. Er weiß nicht, dass sie ihr eigenes Rätsel mit sich herumträgt und es zu lösen versucht. Sie verschwindet und geht nach Bosnien, um der Geschichte ihrer Mutter auf die Spur zu kommen, in dem Land, das in den neunziger Jahren vom ersten europäischen Krieg nach dem Ende des Kalten verwüstet wurde.

          Die Angst einer Epoche

          Es ist eine Welt, auf die in Deutschland gerade Saša Stanišić in seinem Band „Herkunft“ zurückblickt. Überall bosnische Spuren in den Literaturen der Einwanderungsländer des Westens. Hier allerdings weniger idyllisch, auch wenn die 1979 in Paris geborene Alikavazovic den Krieg als Tochter kurz vor ihrer Geburt nach Frankreich gekommener jugoslawischer Eltern aus einer gewissen Ferne heraus miterlebte. Sie veröffentlichte zunächst zwei Kinderbücher, ehe sie mit Erzählungen und dem Roman „Corps volatils“ debütierte, für den sie 2008 mit dem Prix Goncourt du premier roman ausgezeichnet wurde. Seitdem hat sie mehrere Bücher vorgelegt und Ben Lerner und David Foster Wallace ins Französische übersetzt.

          Ihr neuer Roman ist in Frankreich vor zwei Jahren und nun auch auf Deutsch erschienen. Mit Amélia taucht er ab in 30 Handlungsjahre rund um Erfahrungen der Bedrohung, der Unsicherheit, des Todes, der Belagerung und der Schmerzen: „Die Angst einer Epoche verändert zutiefst die folgende.“ Die Wirklichkeit ist nie nur die Wirklichkeit.

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