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Überfüllte Notaufnahmen : Wieso denn gleich ins Krankenhaus?

Ins Krankenhaus oder zum Arzt: ein Sanitäter des Deutschen Roten Kreuzes Bild: dpa

Rettungsdienste, Kliniken und Arztpraxen aus dem Rhein-Main-Gebiet arbeiten an einem Modellprojekt gegen überfüllte Notaufnahmen zusammen. Patienten sollen damit schnell und kostengünstig behandelt werden.

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          In drei hessischen Landkreisen kommen künftig Patienten, die wegen gesundheitlicher Beschwerden die Notrufnummer 112 wählen, nicht mehr zwangsläufig ins Krankenhaus. Wenn zu erkennen ist, dass ihre Beschwerden nicht lebensbedrohlich sind, werden sie stattdessen an eine Arztpraxis oder den Ärztlichen Bereitschaftsdienst weitergeleitet und erhalten gegebenenfalls einen Hausbesuch. Selbst wenn der Rettungsdienst schon an Ort und Stelle ist, muss er die Patienten nicht in ein Krankenhaus bringen, sondern kann sie ambulant versorgen, an einen Arzt vermitteln und gegebenenfalls direkt in dessen Praxis fahren. Das muss nicht unbedingt der jeweilige Hausarzt, sondern kann auch eine der sogenannten Partnerpraxen sein, die schon jetzt Notaufnahmen der Krankenhäuser entlasten. Bisher war ein solches Vorgehen nicht möglich, weil die ambulante Versorgung durch den Rettungsdienst nach Angaben von Notärzten eine „Grauzone“ war und nur der Transport in ein Krankenhaus vergütet wird.

          Ingrid Karb
          Blattmacherin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Möglich macht dies ein Modellprojekt zur „sektorenübergreifenden ambulanten Notfallversorgung“, das die Kassenärztliche Vereinigung und die Hessische Krankenhausgesellschaft am Freitag gemeinsam mit dem hessischen Gesundheitsminister Kai Klose (Die Grünen) in Frankfurt vorgestellt haben. Von einem „gesundheitspolitisch historischen Tag“, einem „Meilenstein“ und einem „Quantensprung“ haben die Partner dabei gesprochen. Es handele sich um ein in Deutschland einmaliges Projekt, sagte Eckhard Starke, Vorstand der Kassenärztlichen Vereinigung. Ziel ist es, Patienten mit akuten gesundheitlichen Beschwerden sicher, schnell und nicht zuletzt auch kostengünstig zu behandeln sowie die Kliniknotaufnahmen und den Rettungsdienst zu entlasten.

          Keine neuen Stellen schaffen, sondern Angebote ausbauen

          Von Herbst an werden dafür in den Kreisen Main-Taunus, Main-Kinzig und Gießen Arztpraxen mit dem Rettungsdienst und den Krankenhäusern zusammenarbeiten. Langfristig solle die Kooperation in allen Landkreisen und Städten in Hessen möglich sein, kündigten die Beteiligten an. Für das Modellprojekt müsse man keine neuen Stellen schaffen, sondern lediglich vorhandene Angebote ausbauen und besser vernetzen, sagte Starke. So solle der gemeinsame Tresen, der schon am Klinikum Frankfurt-Höchst erprobt worden ist, auch in Notaufnahmen in den drei Kreisen eingeführt werden, um den Zustrom der Patienten, die eigenständig ins Krankenhaus kommen, zu lenken.

          Des Weiteren werden die Leitstellen der Kreise, die unter der Rufnummer 112 zu erreichen sind, und der Ärztliche Bereitschaftsdienst unter 116117 Informationen über ihre jeweiligen Computersysteme zum „Interdisziplinären Versorgungsnachweis, kurz Ivena“ (Rettungsdienst) und die „Strukturierte medizinische Ersteinschätzung in Deutschland“ (Kassenärzte) austauschen. In Ivena werden freie Kapazitäten in Krankenhäusern angezeigt, damit der Rettungsdienst nicht an Ort und Stelle abgewiesen wird. Außerdem kann der Rettungsdienst darüber seine Patienten den Kliniken ankündigen und schon einen ersten Befund senden. Künftig sollen auch Arztpraxen in das System aufgenommen werden und dort freie Kapazitäten melden können.

          Die Zusammenarbeit beendet einen jahrelangen Streit zwischen Krankenhäusern und Kassenärzten wegen überfüllter Notaufnahmen. Während die Kassenärzte den Kliniken vorwarfen, über die Notaufnahmen zusätzliche Einnahmen zu generieren, hatte die Krankenhausgesellschaft der Kassenärztlichen Vereinigung vorgeworfen, ihrem Versorgungsauftrag gerade an Abenden und Wochenenden nicht nachzukommen. Am Freitag hörte sich dies nun anders an. Der Geschäftsführer der Krankenhausgesellschaft, Steffen Gramminger, hob mehrmals hervor, dass die Praxen für die Versorgung benötigt würden und nicht ausgeschlossen werden sollten. Das habe sich nicht zuletzt in der Corona-Pandemie gezeigt.

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