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Sicherheit im Nahverkehr : Die eigenen Grenzen verteidigen

Angst-Räume: Auch wenn das Risiko statistisch gesehen gering ist - abends fühlen sich vor allem Frauen an verwaisten Haltepunkten und in leeren Bahnen unbehaglich. Bild: Lukas Kreibig

Nachts allein unterwegs zu sein, kann gefährlich werden. Viele Frauen sind schon einmal auf der Straße oder in der Bahn belästigt worden. Darauf richtig zu reagieren fällt schwer.

          Es geht alles sehr schnell. Eben ist Sarah Neumann aus der S-Bahn gestiegen, hat sich von ihrer Freundin verabschiedet und will den Lokalbahnhof verlassen. Sie hat ein ungutes Gefühl: In der Bahn hat eine Männergruppe sie und ihre Freundin angesprochen. Ob sie ein Paar seien, ob sie sich nicht einmal küssen könnten. Die Freundinnen hatten versucht, die Sprüche zu ignorieren. Als Sarah Neumann um halb ein Uhr morgens an ihrer Station in Sachsenhausen aussteigt, verlassen auch die Männer den Zug. Schnell geht die Siebenundzwanzigjährige zur Rolltreppe. Die Männer folgen ihr.

          Plötzlich greift eine Hand in ihre Haare. Ein junger Mann aus der Gruppe zerrt ihren Kopf nach hinten und raunt ihr „Baby, ich fick dich heut noch richtig durch!“ ins Ohr. Erst ist Sarah Neumann wie erstarrt. Dann reißt sie sich panisch los und rennt weg, die Rolltreppe hinauf und über die Straße. Ohne sich umzusehen stürmt sie in eine Kneipe. Dort kann sie erst einmal durchatmen. „Glück gehabt“, wird sie später sagen. Denn obwohl sie Angst hatte und sich vor dem Angreifer geekelt hat, ist ihr nichts Schlimmeres passiert. Das war vor zwei Wochen.

          Wie sich Frauen wehren können

          Was Sarah Neumann erlebt hat, ist kein Einzelfall. 2015 wurden der Bundespolizei 20 Vorfälle im Frankfurter Nahverkehr gemeldet, bei denen Frauen belästigt, sexuell genötigt, bedroht oder sogar verletzt wurden. Viele Frauen berichten, dass sie sich belästigt fühlten, auch wenn die Angriffe nicht so massiv wie bei Sarah Neumann sind. Beinahe jede Frau hat sich schon Pöbeleien anhören müssen, viele haben über die Jahre „Vermeide-Strategien“ entwickelt. „Im Nahverkehr wie auch auf der Straße nehmen sich Männer mehr raus“, sagt die Leiterin des Frauenvereins für Selbstverteidigung, Susanne Preuße.

          Seit mehr als 30 Jahren bringt sie Frauen und Mädchen bei, wie sie sich verteidigen können. Wer sich wehrt, hat gute Chancen auf Erfolg. Viele Angreifer erwarten nicht, dass das Opfer sich zur Wehr setzt, und lassen überrascht ab. Auch für das Selbstwertgefühl sei es wichtig, sagt Preuße. Jeder hat persönliche Grenzen. Wenn ein Angriff oder eine Beleidigung diese Grenze überschreitet, fühlt es sich gut an, etwas entgegenzusetzen. Sich körperlich wehren zu können, ist eine Sache. Aber auch gegen dumme Sprüche etwas zu sagen, hilft, sich sicherer zu fühlen. Preuße sagt: „Frauen sollten sich nicht klein machen.“

          Wer nachts allein in den Zügen des Nahverkehrs in Frankfurt unterwegs ist, dem kann es schon einmal mulmig werden. Auch in dieser Nacht wird es an den letzten U-Bahn-Stationen Richtung Norden nach Mitternacht ziemlich einsam. Eine junge Frau mit schwarzen Kringellocken erzählt in der U2, dass sie oft von Männern angemacht werde. „Die Kommentare sind schon echt unangenehm“, sagt sie. „Aber Angst habe ich eigentlich keine. Ich höre immer Musik oder tue so, als ob ich telefoniere, ich ignoriere das.“

          Sicherheitskräfte fahren ab 21 Uhr mit

          Auch Sarah Neumann, die eigentlich anders heißt, fährt trotz des Angriffs weiter mit Bus und Bahn. „Ich habe nicht mehr Angst als früher“, sagt sie. „Schon vorher mochte ich es nicht, eine große Männergruppe nachts im Nahverkehr zu treffen, ich habe schon immer Abstand gehalten.“ Durch den Vorfall ändert sie deshalb ihr Verhalten nicht. Sich verschreckt zu verkriechen kommt nicht in Frage. Auch ein Pfefferspray würde sie nie benutzen: „Schon allein deshalb nicht, weil es nach hinten losgehen kann.“

          Wachleute der Verkehrsgesellschaft sollen das Sicherheitsgefühl verbessern.

          Neumann hat auch nicht vor, einen Selbstverteidigungskurs zu besuchen. „Bei einer größeren Männergruppe hast du eh keine Chance“, sagt sie und zuckt mit den Schultern. Größere Gruppen von Betrunkenen seien die einzige echte Bedrohung. Das scheint zu stimmen: Die meisten, die nachts im Nahverkehr unterwegs sind, sehen unauffällig aus. Da ist ein Banker, der nach Hause fährt. Ein müde aussehender Mann mit Schirmmütze, der vielleicht von seiner Schicht kommt. Und ein junger Kerl mit Kopfhörern, der zum Takt der Musik mit dem Fuß wippt.

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