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Interview mit Islam-Expertin : „Selbst Pierre Vogel steht auf der Abschussliste des IS“

„Salafismus ist inzwischen eine Jugendbewegung mit allen Attributen einer Popkultur“: Susanne Schröter in ihrem Büro auf dem Frankfurter Universitätscampus Bild: Wolfgang Eilmes

Auch Frauen wirbt der „Islamische Staat“ gezielt an, sagt die Islamforscherin Susanne Schröter. Im Interview spricht sie über das Kopftuch, Salafisten - und Wege aus der Radikalisierungsfalle.

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          Das Berliner Arbeitsgericht hat dieser Tage die Klage einer muslimischen Lehrerin abgewiesen, der verboten worden war, in der Schule ein Kopftuch zu tragen. Wie stehen Sie dazu?

          Sascha Zoske

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Helmut Schwan

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Ich bin in dieser Frage ambivalent. Grundsätzlich meine ich, dass eine Frau auf dem Kopf tragen kann, was sie will; auch einige meiner Mitarbeiterinnen tragen Kopftuch. Auf der anderen Seite weiß ich, dass einige Frauen das Kopftuch nicht nur tragen, um nach außen zu zeigen, hallo, ich bin Muslima und stolz darauf. Indem sie Haare und andere Teile des Körpers verdecken, wollen sie demonstrieren, dass sie „ehrbare“ Frauen mit strengen moralischen, religiös begründeten Vorstellungen sind. Das hat vor allem an Schulen Konsequenzen. Vielen muslimischen Mädchen, die sich „westlich“ kleiden, wird dies von frommen Mitschülern zum Vorwurf gemacht. Wenn dann auch noch die Lehrerin Kopftuch trägt und vielleicht sogar sagt, dies sei in ihrer Religion Pflicht, dann hat eine muslimische Schülerin, die darauf verzichten will, ein echtes Problem.

          Sie haben für Ihr neues Buch fromme Muslime in Wiesbaden befragt. Gibt es eine Tendenz zu mehr Frömmigkeit?

          Mir war sehr wichtig, zu zeigen, wie vielfältig Muslime sind, sogar, wenn sie der gleichen Moscheegemeinschaft angehören. Der Koran wird sehr individuell ausgelegt. Tatsächlich kann man aber sagen, dass Muslime insgesamt frommer werden. Religion in einer fundamentalistischen Weise wird gerade für einen Teil der muslimischen Jugend immer wichtiger. Sie versuchen, nach der strengen Lehre aus dem siebten Jahrhundert die Welt und das eigene Tun strikt in Erlaubtes (halal) und Verbotenes (haram) zu trennen.

          Ist das gefährlich?

          Das halte ich schon deswegen für bedenklich, weil dadurch der Einzelne überhaupt nicht mehr nachdenkt. Man hält sich nur noch an Regeln, die man nicht in Frage stellt. Gerade Salafisten vertreten einen regelgetreuen Vorschriftsislam, in dem jede nur erdenkliche Handlung entweder gottgefällig oder sündhaft ist. Das strikte Weltbild ist für verunsicherte Jugendliche attraktiv. Plötzlich erscheint die Welt geordnet und mit einem Sinn versehen. Dazu kommt eine kuschelige Gruppe, in der man, solange man alles mitmacht, unglaublich viel Anerkennung und Solidarität erfährt. Und im Jenseits werden dann alle Wünsche erfüllt.

          Das muss aber vielen noch sehr weit weg erscheinen.

          Für viele Muslime spielt das durchaus eine wichtige Rolle. Salafismus ist inzwischen eine Jugendbewegung mit allen Attributen einer Popkultur. Mit eigener Musik, eigener Sprache, eigenen Symbolen, eigener Kleidung, unterlegt mit bestimmten Codes. Da können sich gerade diejenigen wiederfinden, die gegen den Rest der Gesellschaft protestieren wollen. Dazu kommt die Möglichkeit zu provozieren. Nichts wirkt im Moment schockierender, als wenn eine vollverschleierte Frau oder ein junger Mann in salafistischem Outfit durch die Fußgängerzone marschieren. Da können selbst Punks nicht mithalten.

          Wie haben die Muslime, mit denen Sie sprachen, auf die Anschläge in Paris und Brüssel reagiert?

          In der Regel lautet die Antwort, mit Gewalt wolle man nichts zu tun haben. Das steht aber im Gegensatz zu dem, was in den sozialen Netzwerken geäußert wird. Da gibt es viel Sympathie und Relativierung. Bei den Recherchen für mein Buch hatte ich mit einer Gruppe von Frauen über die Anschläge auf das World Trade Center gesprochen, und eine sagte: „Das waren doch alles die Juden.“ Auf derartige Verschwörungstheorien trifft man relativ häufig.

           Wie sollen angesichts solcher Überzeugungen ältere Muslime Jugendliche davon abhalten, nach Syrien in den „Heiligen Krieg“ zu ziehen?

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