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Interview mit Islam-Expertin : „Selbst Pierre Vogel steht auf der Abschussliste des IS“

Also müssten Sie auch die jetzt beschlossene Wohnsitzauflage für Flüchtlinge gutheißen.

Ja, die finde ich richtig. Integration kann nur gelingen, wenn möglichst viele Neuankömmlinge auch mit Alteingesessenen zu tun haben.

Ist Frankfurt in Sachen Integration ein Vorbild? Vertreter der Stadt weisen ja immer stolz darauf hin, dass dort viele ethnische Gruppen friedlich zusammenlebten.

Frankfurt hat den großen Vorteil, dass es wirtschaftlich prosperiert. Hier findet fast jeder einen Job, das ist schon mal eine gute Voraussetzung für Integration. Auf der anderen Seite ist das Rhein-Main-Gebiet ein Hotspot salafistischer Mobilisierung. Wir haben in Frankfurt durchaus Viertel, in denen das ein Problem ist, und auch in Offenbach, Dietzenbach und Hanau gibt es salafistische Gruppen.

Beunruhigend sind die Bildungsdefizite in muslimischen Milieus, die Sie in Ihrem Buch schildern. Die Väter wünschen sich zwar, dass ihre Söhne Abitur machen, aber oft reichen die Noten nicht - und dann heißt es, die Lehrer würden die Kinder diskriminieren. Wie kommt man aus diesem Teufelskreis heraus?

Man muss mit Vorbildern arbeiten. Muslime, die Karriere gemacht haben, sollten in den Schulen von ihrem Werdegang erzählen. Viele Schüler, mit denen ich gesprochen habe, hatten völlig irreale Vorstellungen: Sie besuchten die Hauptschule und hatten schlechte Noten, strebten aber trotzdem einen akademischen Beruf an. Da ist das Scheitern programmiert. Wenn wir die Bildungsmisere beheben wollen, sind echte Ganztagsschulen die einzige Lösung. Dann könnten Kinder elternunabhängig gefördert werden.

Die Lehrer weisen aber auch darauf hin, dass es nicht allein ihre Aufgabe sein kann, die Kinder zu erziehen und ihnen Werte zu vermitteln.

Es ist nicht allein ihre Aufgabe, aber auch ihre. Man bräuchte eigentlich ein neues Schulfach, um die Kinder fitzumachen für diese Gesellschaft. Toleranz zum Beispiel sollte man nicht nur beschwören, sie muss eingeübt werden. Auch Staatsbürgerkunde und die Auseinandersetzung mit den Religionen sollte man in ein solches Fach integrieren. Das bedeutet aber auch, dass man Fortbildungen für die Lehrer, mehr Pädagogen und kleinere Klassen braucht. Im Moment habe ich eher den Eindruck, dass an den Schulen gespart wird.

Derzeit gehen die Flüchtlingszahlen zurück. Fürchten Sie, dass man in Deutschland jetzt wieder zur Tagesordnung übergeht und das Integrationsproblem nicht mehr ernst genug genommen wird?

Die Flüchtlingszahlen werden wieder steigen. Was wir brauchen, ist ein richtig gutes Einwanderungsgesetz, unabhängig von den Asylregelungen. Wir wären dann in der Lage, „social engineering“ zu betreiben und zu entscheiden, wie viele Akademiker, Handwerker und Leute ohne Ausbildung wir ins Land lassen. Gleichzeitig müssen wir gute Programme entwickeln, die den Einwanderern auch unseren Lebensstil vermitteln. Der ist den Leuten ja völlig fremd. Wenn wir nach Eritrea oder Syrien gingen, bräuchten wir schließlich auch erst einmal einen Crashkurs zu den Grundlagen der dortigen Kultur.

Erschwert der Aufstieg der AfD, die gerade dem Islam insgesamt den Kampf ansagt, die Integration noch zusätzlich?

Die AfD übt da in der Tat einen sehr ungünstigen Einfluss aus. Sie popularisiert Ängste und Vorurteile, die es in Teilen der Bevölkerung gibt. Man muss eine ernste Debatte darüber führen, wie unsere Gesellschaft aussehen soll. Keiner kann mehr so tun, als gäbe es noch ein monoethnisches deutsches Volk. Wir sind eine Einwanderungsgesellschaft. Damit sie sich gut entwickelt, muss man möglichst viele Menschen mitnehmen, auch die Alteingesessenen.

Die Fragen stellten Sascha Zoske und Helmut Schwan.

Zur Person

Susanne Schröter ist derzeit eine der gefragtesten Expertinnen für islamische Kultur. Die 1957 geborene Ethnologin hat Anthropologie, Soziologie, Kultur- und Politikwissenschaften sowie Pädagogik in Mainz studiert. Sie war wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Ethnologie der Uni Mainz und am Frankfurter Frobenius-Institut. Forschungsaufenthalte führten sie an die Universitäten Yale und Chicago. 2004 erhielt sie eine Professur für Südostasienkunde an der Uni Passau. Seit 2008 hat Schröter einen Lehrstuhl für „Ethnologie kolonialer und postkolonialer Ordnungen“ an der Uni Frankfurt inne. Zudem leitet Schröter das Frankfurter Forschungszentrum Globaler Islam und ist Direktorin am Cornelia-Goethe-Centrum für Frauen- und Geschlechterforschung. Für ihr Buch „Gott näher als der eigenen Halsschlagader“ hat sie drei Jahre lang fromme Muslime in Wiesbaden beobachtet. (zos.)

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