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Interview mit Islam-Expertin : „Selbst Pierre Vogel steht auf der Abschussliste des IS“

Das ist schwierig. Meist werden solche Pläne nicht mit Onkeln und Vätern besprochen. Viele junge Radikale durchblicken nicht, auf was sie sich da einlassen. Sie glauben der Propaganda des „Islamischen Staats“, der ja auch damit wirbt, dass man im Dschihad viel Spaß haben kann. Dann hört der Spaß plötzlich auf, dann steht man im Kugelhagel und um einen herum fallen Bomben.

Ist das angesichts der Verblendung überhaupt zu vermitteln?

Für die Präventionsarbeit sind frustrierte oder schockierte Rückkehrer ideal. Ich hoffe daher, dass noch mehr in Zukunft bereit sind, offen zu berichten, um dieser medialen Traumwelt, die terroristische Gruppen produzieren, die Realität gegenüberstellen zu können.

Sind denn diejenigen überhaupt noch zu erreichen, die fest davon überzeugt sind, sie müssten ihren Beitrag im „Heiligen Krieg“ leisten?

Jedenfalls einige. Andere sehen in den geläuterten Rückkehrern Verräter. Das wird verständlich, wenn man sich klar- macht, dass in solchen Terrororganisationen Strukturen wie in einer Sekte herrschen. Und in wirklich radikalen Milieus ist es sogar lebensgefährlich auszusteigen. Abweichler und Abtrünnige werden mit dem Tode bedroht. Selbst Deutschlands bekanntester salafistischer Prediger, Pierre Vogel, steht im Moment auf der Abschussliste des IS.

Weshalb?

Weil er gesagt hat, man solle eher im eigenen Land missionieren, als sich am Krieg in Syrien zu beteiligen. Das hat schon gereicht, das war Verrat.

Aber man trifft doch eher selten auf den Typus des hochideologisierten Terroristen, sondern häufiger auf solche, die vorher durch Diebstähle, Rauschgifthandel oder Körperverletzung auffällig geworden sind.

Das stimmt. Die meisten Kämpfer sind ideologisch nicht besonders bewandert, viele übrigens auch nicht sonderlich glaubensfest. Einige haben den Islam gerade erst kennengelernt, und dann auch eher von der Propaganda her, und die wenigsten sprechen Arabisch. Etliche meinen, im Leben schon viel Schuld auf sich geladen zu haben, und glauben jetzt dafür büßen und den richtigen Weg einschlagen zu müssen, damit sie nicht im Höllenfeuer landen. Es gibt unter den Salafisten aber auch Studierende, vor allem an den technischen Hochschulen und Fachhochschulen, oder sogar Universitätsabsolventen. Das zeigt wiederum, dass Salafismus und Dschihadismus primär ideologiegetriebene und keine sozialen Bewegungen sind.

Wie ist es angesichts der Lebensumstände im Kriegsgebiet und der Unterdrückung durch die Männer zu erklären, dass es immer mehr Frauen zum IS zieht?

Frauen werden gezielt angeworben. Von der Werbeabteilung des IS werden Geschichten romantischer Liebe im Dschihad gepostet, und den Leserinnen wird weisgemacht, dass sie ihren Märchenprinzen in Syrien finden können. Auf gestellten Blogs kann man kitschige Geschichten aus dem „Alltag im Dschihad“ lesen, wobei die Realität der Kriegsökonomie mit Stromausfall und Bombenhagel sowie die Rechtlosigkeit der Frauen allerdings ausgeblendet werden.

Sprechen wir wieder über die hiesigen Milieus, in denen sich Radikalisierung vollzieht. Gibt es in Deutschland mancherorts schon ähnliche Zustände wie im Brüsseler Problemviertel Molenbeek?

Es gibt Tendenzen dazu, in Berlin oder Duisburg etwa. Die Milieus sind aber lange nicht so groß wie etwa in Belgien. Trotzdem muss man sich bei der Stadtplanung bemühen, dass die Bevölkerung in bestimmten Stadtteilen besser durchmischt wird. Natürlich ziehen Neuankömmlinge lieber dorthin, wo sie Verwandte haben und man ihre Sprache spricht. Das ist ein natürlicher Prozess, der aber zwangsläufig zur Gettobildung führt. Wenn dann noch die sozial-ökonomische Lage prekär wird, landen wir irgendwann bei Molenbeek.

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