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Religionspädagoge Khorchide : Für neuen muslimischen Erziehungsstil

  • -Aktualisiert am

Inspiration: Ein junger Muslim liest im Koran. Bild: AFP

Der Religionspädagoge Mouhanad Khorchide wirbt für einen Wandel in der religiösen Bildung und hebt den Freiraum des Einzelnen hervor. Das dürfte nicht allen gefallen.

          Die Zuhörer umweht ein Hauch von Reformation an diesem Freitag im Historischen Museum. Nicht, weil es um geschichtliche Zeugnisse jener Epoche geht, sondern um eine höchst aktuelle Frage: Wie wird ein Mensch vom Objekt religiöser Bevormundung zum Subjekt seines religiösen Lebens? Weil es den Reformatoren im 16.Jahrhundert darum ging, haben sie die Bibel übersetzt und auf Bildung großen Wert gelegt.

          Es ist genau diese Frage, die auch den muslimischen Religionspädagogen Mouhanad Khorchide beschäftigt, wie er den Zuhörern deutlich macht. Zu der Vortrags- und Diskussionsveranstaltung mit dem Titel „Welcher Islam gehört zu Deutschland?“ hatte das Frankfurter Forschungszentrum Globaler Islam der Goethe-Universität eingeladen.

          Gott halte keinen Monolog

          Khorchide, der das Zentrum für Islamische Theologie an der Universität Münster leitet, plädiert für „eine andere Form religiöser Erziehung“. Die muslimische Erziehung sei in der Regel noch immer so, dass man vorgesetzte Ge- und Verbote passiv annehme, so als sei der Islam „eine Ansammlung endgültiger Antworten“. So werde man zum Objekt religiöser Erziehung. Stattdessen müsse es darum gehen, die Person dazu zu befähigen, selbst religiöse Erfahrungen zu machen, was auch bedeute, Raum für kritische Fragen zu schaffen.

          Dass Khorchide in diesem Sinn eine „anthropologische Wende, eine Bildung im Sinne des Subjekt-Werdens“ für nötig hält, dürfte nicht allen gefallen, etwa Vertretern eines Islams, die auf die Befolgung dogmenartiger Festschreibungen oder Lesarten des Korans bestehen. Doch für Khorchide ist die Betonung der Individualität geradezu ein Hauptmerkmal des Islams, warne doch etwa der Koran davor, Gelehrtenmeinungen unhinterfragt zu folgen. Diese Stärke des Islams verdrängten Muslime jedoch. Wer den Koran nur als passiver Empfänger lese, könne ihn nicht recht verstehen, fügt er hinzu. Schließlich halte Gott keinen Monolog, sondern wolle Kommunikation mit jedem Einzelnen. In seiner schriftlichen Form sei der Koran zwar fixiert, „aber als Kommunikation ist er dynamisch“.

          Abkehr vom Islam gelte nicht mehr als Hochverrat

          Auch Bassam Tibi erachtet es als wichtig für die Zukunft der Muslime in Europa, dass sie sich mehr und mehr als Individuen sehen und nicht nur als Mitglied eines Kollektivs. Der Politikwissenschaftler war unter anderem in Göttingen tätig und hat den Begriff des „Euro-Islam“ geprägt. Darunter versteht er einen Islam, der unter anderem zwischen Religion und Politik trennt und Toleranz gegenüber allen Menschen zeigt.

          Als Beispiel für ein wichtiges Grundrecht nennt Susanne Schröter, Ethnologin und Leiterin des Frankfurter Forschungszentrums Globaler Islam, die Religionsfreiheit, zu der auch eine Freiheit von Religion gehöre. Wie es um die Freiheit stehe, den Islam zu verlassen, will sie von Aiman Mazyek wissen, dem Vorsitzenden des Zentralrats der Muslime in Deutschland.

          Es sei bedauerlich, wenn jemand seine Religion verlasse, „aber letztlich gilt die Gewissens- und Religionsfreiheit“, sagt Mazyek und verweist auf eine Charta seines Verbands, in der das schon vor 14 Jahren festgeschrieben worden sei. Die Position, nach der eine Abkehr vom Islam als eine Art Hochverrat gewertet werde, sei inzwischen überholt.

          Mayzek nimmt Imame in die Pflicht

          Schröter kommt auch auf die AfD zu sprechen und hält mit Blick auf den bevorstehenden Parteitag fest: „Der Islam ist keine politische Ideologie, sondern eine abrahamitische Religion.“ Ähnlich sagt das auch Mazyek, der sich von jeder Form des religiösen Extremismus distanziert.

          Die Frage sei, welche Form des Islams man wolle, so Schröter. Sie wirbt dafür, die innerislamische Vielfalt zu sehen, die von jungen Hardlinern über konservativ-traditionelle Milieus bis zu liberalen Muslimen und den sogenannten Kulturmuslimen, die die Mehrheit bildeten, reiche. „Man muss sich die Mühe machen, diese Stimmen zu hören, sie miteinander und mit Nichtmuslimen ins Gespräch zu bringen.“

          Mazyek macht sich für einen anderen Berührungspunkt stark und nimmt dafür die Imame ziemlich deutlich in die Pflicht. In deren Freitagspredigten spiele der Alltag der Menschen in Deutschland noch eine zu geringe Rolle, moniert der Verbandschef. Es werde viel über Palästina, Syrien oder Afghanistan gesprochen, was richtig sei. „Aber wenn man den Islam in Deutschland als Herzensangelegenheit versteht, muss das in der Predigt seinen Niederschlag finden.“

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